Vom Maurer zum Lehrer zum Maurer

Dem Handwerk bleibt der ursprünglich zum Maurer ausgebildete Thomas Leisibach auch als Mitglied der Abteilungsleitung einer Berufsschule verbunden. Hammer und Meissel hatte er jedoch schon lange nicht mehr in der Hand. In seiner Intensivweiterbildung bekam er nun Gelegenheit, während einer Woche Trockensteinmauern zu sanieren. 

Hoch auf dem Berg oberhalb von Tomils im bündnerischen Domleschg thront Schloss Ortenstein. Die Burganlage ist von weit her sichtbar und zieht die ganze Aufmerksamkeit der Besucher von der PH Zürich auf sich. Es herrscht seit Tagen Dauerregen – miserable Bedingungen für die 26 Maurerlehrlinge der Berufsschule Winterthur, die im Schatten des Schlosses hacken, spitzen und hämmern. Die jungen Männer restaurieren im Rahmen eines einwöchigen Lagers eine rund 35 Meter lange Trockensteinmauer. Viele dieser Mauern sind mehrere hundert Jahre alt und befinden sich in einem schlechten Zustand. Ursprünglich dienten sie den Bauern als Grenzmarkierung, heute sind sie wertvolle Stützmauern und Nistplätze für Nützlinge wie Eidechsen oder Vögel.

Das Restaurieren von Trockensteinmauern ist für Thomas Leisibach eine Herzensangelegenheit. «Bei dieser Arbeit lerne ich die Natur immer wieder neu schätzen », sagt er. Der Berufsschullehrer kommt seit langem regelmässig ins Domleschg. In den vergangenen Jahren leitete er jeweils das Lehrlingslager, welches 2014 bereits zum achten Mal stattfindet. Als Leiter hatte er jedoch kaum Gelegenheit, mitzuarbeiten. In diesem Jahr legt er nun selber Hand an. «Die Intensivweiterbildung bietet eine gute Gelegenheit, für eine Woche zu meinen Wurzeln zurückzukehren.» Ursprünglich absolvierte Thomas Leisibach zwei Berufslehren als Hochbauzeichner und Maurer.

Nachdem er einige Zeit in diesen Berufen tätig gewesen war, arbeitete er als Polier, Bauführer und Baumeister, bevor er sich vor 16 Jahren zum Berufsschullehrer ausbilden liess. Heute ist er Mitglied der Abteilungsleitung Bau an der Berufsbildungsschule Winterthur. Daneben unterrichtet er noch sieben Lektionen pro Woche als Fachlehrer. «Die jetzige Tätigkeit erfüllt mich voll und ganz. Ich bin als stellvertretender Abteilungsleiter hauptsächlich mit Planungs-, Organisations- und Führungsaufgaben betraut. Diese Arbeit liegt mir, obwohl ich auch den Kontakt zu den Schülern immer noch sehr schätze und nach wie vor gerne unterrichte.»

Thomas Leisibachs Maurer-Erfahrung ist Gold wert für die Restaurationsarbeiten. Die Steine müssen zuerst in die richtige Form gebracht werden, bevor sie in die Mauer eingesetzt werden können. «Es ist teilweise eine Millimeterarbeit», sagt Leisibach, während er behutsam eine Ecke eines Steinbrockens wegmeisselt. «Man muss spüren, an welcher Stelle man den Stein brechen kann.» Die grösste Herausforderung besteht allerdings darin, passende Deckplatten zu finden. Diese sind dünner als die Steine in der Mauer, die Form kann daher nur noch wenig angepasst werden. «Die Arbeit erfordert viel Geduld. Da ich eher ein ungeduldiger Mensch bin, tut mir diese Tätigkeit sehr gut.»

Trotz widriger Umstände schreiten die Arbeiten gut voran. Das Team liegt im Zeitplan. Heute ist der letzte Tag, am Abend muss die Mauer fertiggestellt sein. Thomas Leisibach: «Die jungen Männer sind sehr fleissig und zeigen viel Einsatz.» Die Arbeitstage dauern für die Lehrlinge gleich lang wie in ihrem Betrieb. Los geht es um 7 Uhr, Feierabend ist um 17 Uhr. Über Mittag fährt die Mannschaft in das nahe gelegene Dörfchen Papels, wo auch die Unterkunft – eine Zivilschutzanlage – liegt. Gegessen wird im Restaurant Triangel. Dieses ist zu diesem Zeitpunkt im Jahr in der Regel geschlossen. Die Betreiber haben jedoch extra für das Lehrlingslager geöffnet. «Die Unterstützung in den Gemeinden ist sehr gross. Dies vereinfacht die Durchführung erheblich», sagt Thomas Leisibach auf der Fahrt ins Restaurant.

Auf Berufszeit zurückblicken
Beim Mittagessen ergibt sich die Gelegenheit, einige Worte über die Intensivweiterbildung zu wechseln. Thomas Leisibach absolviert diese in drei Etappen. Nach dem Trockensteinmauerkurs wird er für zwei Wochen nach Marokko reisen, um über den Atlas in die Westsahara zu wandern. Anschliessend geht es für einen Sprachaufenthalt weiter nach Malaga. «Ich möchte unbedingt Spanisch lernen, die Intensivweiterbildung bietet dazu eine gute Gelegenheit.»

Eine wichtige Komponente der Weiterbildung bildet die Möglichkeit zur Reflexion der beruflichen Tätigkeit. Während der Arbeiten an der Trockensteinmauer habe er dafür kaum Zeit, sagt Thomas Leisibach. Auf den zwei anstehenden Reisen werde er sich jedoch sicher intensiv Gedanken machen. «Ich bin nun 58 Jahre alt und möchte gerne einmal in Ruhe auf meine Berufszeit zurückblicken und über den anstehenden Ruhestand nachdenken.» Vorerst hat jedoch der Abschluss der Renovationsarbeiten Vorrang. Die Uhr zeigt inzwischen 13 Uhr, die Mittagspause ist damit beendet. «Auf geht’s», sagt Thomas Leisibach, setzt seinen Hut auf und macht sich mit seiner Mannschaft auf den Weg.

Intensivweiterbildung (IWB) für Lehrpersonen

Lehrpersonen der Volksschule und Berufsschullehrpersonen haben im Kanton Zürich nach mindestens zehn bzw. zwölf vollendeten Dienstjahren Anrecht auf eine Auszeit in ihrem beruflichen Alltag in Form einer sogenannten Intensivweiterbildung (IWB) an der PH Zürich. Das Profil «Individuelles Projekt» beispielsweise ermöglicht Berufsschullehrpersonen, über sieben Wochen ein Projektthema zu realisieren bzw. eine auf ihre berufliche Entwicklung zugeschnittene Weiterbildung zu verfolgen. Im Rahmen der Serie «Blick in eine andere Berufswelt» haben wir an dieser Stelle in diesem Jahr vier Lehrpersonen in ihrer Intensivweiterbildung begleitet.

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