«Notengebung und Kompetenzorientierung sind ein Widerspruch»

Der Lehrplan 21 strebt nicht nur eine Harmonisierung der Bildungsinhalte, sondern auch der Schülerbeurteilung an. Was sich damit für die Lehrpersonen beim Prüfen und Bewerten ändern wird, weiss Bildungsforscher Urs Moser.

Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Universität Zürich. Foto: Nelly Rodriguez

Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Universität Zürich. Foto: Nelly Rodriguez

Akzente: Wie wirkt sich der Lehrplan 21 auf die Schülerbeurteilung aus?
Moser: Bei der aktuellen Lehrplanreform geht es an sich nicht darum, die Beurteilung grundsätzlich zu reformieren. Dass die Schülerbeurteilung zu einem zentralen Thema geworden ist, hängt mit der Kompetenzorientierung zusammen. Man hat im Lehrplan 21 in Anlehnung an die Schulfächer Kompetenzbereiche beschrieben und für jeden Bereich verschiedene Kompetenzen, also im Prinzip überprüfbare Lernziele formuliert. Die Kompetenzen sind ihrerseits in Stufen gegliedert und bauen aufeinander auf. Eine solch hierarchisch strukturierte Leistungsbeschreibung impliziert, dass entsprechend geprüft und beurteilt wird.

Wie sieht denn eine kompetenzorientierte Prüfung konkret aus?
Sie sieht anders aus als die von der Lehrperson gestaltete Prüfung, die massgeschneidert ist auf den Unterrichtsstoff der vergangenen Wochen. Diesen Bezug zur Unterrichtseinheit hat ein kompetenzorientierter Test nicht. Die Schülerinnen und Schüler sollen das Gelernte nicht nur punktuell abrufen, sondern fortlaufend in verschiedenen Kontexten anwenden können. Es geht nicht um eine Lernkontrolle, sondern um eine individuelle Standortbestimmung, also darum zu zeigen, auf welcher Kompetenzstufe die Schülerin oder der Schüler steht. Dafür werden unter anderem standardisierte Tests eingesetzt.

Sie meinen Tests wie das Klassencockpit?
Zum Beispiel. Allerdings sind die Vergleichstests, die bisher eingesetzt werden, nicht kompetenzorientiert, weil sie nicht aufeinander aufbauen. Das heisst, wenn Sie mit Ihrer Klasse zweimal bei Klassencockpit mitmachen, dann sind die beiden Leistungsmessungen unabhängig voneinander und lassen keine Aussage über den Fortschritt des einzelnen Kindes zu. Dabei wäre das ja das Ziel der Kompetenzorientierung. Dass man eine individuelle Entwicklung erfassen kann.

Also gibt es solche Instrumente noch gar nicht?
Nein, aber an unserem Institut arbeiten wir daran, die individuellen Standortbestimmungen an die neuen Anforderungen im Lehrplan anzupassen.

Wenn nun mit dem neuen Lehrplan vermehrt solche Vergleichstests durchgeführt werden, setzt das die Lehrpersonen nicht zusätzlich unter Druck?
Es geht ja nicht darum, alle zwei Wochen einen solchen Test zu machen, sondern vielleicht ein oder zwei Mal pro Semester. Auch ist nicht die Meinung, dass man die Klasse darauf vorbereiten und den Unterricht danach ausrichten soll. Standardisierte Tests können für die Lehrpersonen hilfreich sein, weil sie zeigen, wo die Klasse und die einzelnen Kinder in Bezug zum Lehrplan stehen.

Lassen sich solche Tests denn überhaupt benoten?
Notengebung und Kompetenzorientierung sind ein Widerspruch. Eine Note ist immer an soziale Massstäbe gebunden. Der Lehrer braucht sie zur Beurteilung der Kinder innerhalb einer Klasse. Aber eine Note kann nicht abbilden, wo eine Schülerin oder ein Schüler in Bezug auf Kompetenzen oder die individuelle Entwicklung steht. Dies aber ist notwendig, um den Kindern metakognitive Strategien näherzubringen, damit sie sich mit ihrem eigenen Lernprozess auseinandersetzen und sich weiterentwickeln können.

Dann lässt sich also sagen, dass der neue Lehrplan förderorientierter ausgerichtet ist als seine Vorgänger?
Ja, weil mit der Kompetenzorientierung eine andere Denkweise verbunden ist. Es geht nicht mehr um inhaltliche Einheiten, sondern um den Lernprozess als Ganzes.

Was ändert sich damit für die Lehrerinnen und Lehrer konkret beim Beurteilen?
Die Schule wird mit dem Lehrplan 21 nicht neu erfunden. Förderorientierung ist kein Fremdwort. Viele Lehrpersonen haben bisher auch schon so beurteilt und werden daran nichts ändern müssen. Wenn sie wollen, können sie mit einer individuellen Standortbestimmung ab und zu ein Feedback von aussen einholen und ihren persönlichen Beurteilungsmassstab mehr an den Kompetenzstufen ausrichten. Eine ausufernde Testerei ist aber sicher nicht Sinn und Zweck des Lehrplans, das will niemand in der Schweiz.

Über Urs Moser

Als «Mister PISA» wurde Urs Moser im Jahr 2000 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Im Rahmen der international vergleichenden Schulleistungsstudie wertet der Bildungsforscher die Resultate der Schweizer Schülerinnen und Schüler aus.

Seine Laufbahn begann Moser mit dem Studium der Sonderpädagogik, Pädagogik und Pädagogischen Psychologie an der Universität Freiburg. Danach arbeitete er an verschiedenen internationalen Projekten der Leistungsmessung mit und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Erziehungsdirektion des Kantons Bern, später auch am Institut für Pädagogik der Universität Bern tätig. Seit 1999 leitet Moser das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich.

Bei der Erarbeitung des Lehrplans 21 hat er in der Anfangsphase beratend mitgewirkt und zu Aspekten der Beurteilung Stellung genommen.

Urs Moser, Jahrgang 1957, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Zürich. Wenn er sich einmal nicht mit Bildungsthemen auseinandersetzt, kocht er gerne oder treibt Sport.

One thought on “«Notengebung und Kompetenzorientierung sind ein Widerspruch»”

  1. Sehr geehrter Herr Moser
    Schön, dass Sie sich mit Lernfortschritten und deren Ueberprüfbarkeit auseinander setzen!
    Jedem ist klar, dass ein Auto nicht voll fahrtüchtig ist, dem ein Scheinwerfer, Elektrokabel oder dem der richtige Treibstoff fehlt.
    Ein Lehrer ist mit recht guten körperlichen Bedingungen durch die Schule gegangen, sonst wäre er nicht Lehrer geworden. Es gibt auch Schüler mit offensichtlichen Teilleistungsschwächen.
    Aber es gibt Schüler, die ‘kleine’ Teilleistungsschwächen haben, die weder von den Lehrern, Eltern, Heilpädagogen noch vom Kinderarzt festgestellt werden. Dies sind z.B. Winkelfehlsichtigkeit, keine volle Hörleistung, Verspannungen in der Muskulatur, Wirbelverschiebungen oder latente Entzündungen, um nur einige davon zu nennen. Wie will sich ein Kind in Geometrie verbessern, wenn es mit einer Winkelfehlsichtigkeit nie genau arbeiten kann? Wie will ein Kind sein Hörverständnis verbessern, wenn nicht alle Hörnerven gut arbeiten? Wie will ein Kind gut im Sport sein, wenn sein Becken verschoben ist? etc.?
    Ich bin Oberstufenlehrerin und erteile momentan Nachhilfeunterricht. Jedes einzelne Kind, das bei mir nach Hilfe fragt, hat eine ‘kleine’ gesundheitliche Beeinträchtigung und genau deshalb hat es in der Schule Schwierigkeiten.
    Wäre es nicht sinnvoll, bei der Ursache der Lernschwierigkeiten anzusetzen und die Lehrer auf deren Symptome und Hintergründe auszubilden? – Wie vielen Kindern wäre dadurch ein grosses erspart geblieben!

    Ich kann dies nun nach 25-jähriger medizinischer Weiterbildung sagen.

    Mir ist Ihre Antwort bereits klar: Sie werden mir sagen, dass Lehrer nicht Mediziner sind und Mediziner nicht Lehrer und die Gesundheit der Kinder in der Verantwortung der Eltern liegt. Das ist mir alles klar. Doch, wer weiss, vielleicht habe ich Ihnen in der hintersten Gehirnrundung einen kleinen Gedankenanstoss gegeben, den Sie weiter wälzen wollen. Und es ist mir auch klar, dass sich diesbezüglich auch im Lehrplan 21 noch nichts ändern wird.

    Es grüsst Sie freundlich
    Liselotte Schudel Pfeiffer, Effretikon

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