In Ghana lehren, von Ghana lernen

Die Kooperation Ghana – Schweiz des Zentrums IPE der PH Zürich generiert neues Wissen auf beiden Seiten. Im Mai besuchte eine Delegation aus Accra die PH Zürich.

Foto: Reto Klink

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Die Geschichten von Ama, Kojo und Josef aus Ghana sind sich in einem Punkt ähnlich: Die Kinder lebten im Slum von Ghanas Hauptstadt Accra und wurden alle von Daniela Rüdisüli Sodjah respektive ihrer NGO «Chance for Children» (CfC) unterstützt. Ama ist jetzt Coiffeuse, Kojo lernt Sanitärinstallateur und Josef lebt im Heim von CfC. Für ihre Arbeit mit Strassenkindern hat Daniela Rüdisüli Sodjah 2009 den Bildungspreis der PH Zürich erhalten. Diese unterstützt die schweizerisch-ghanaische Nichtregierungsorganisation seit zwei Jahren mit Weiterbildungen im Bereich Fachdidaktik, soziale Kompetenz und in der Entwicklung von Life Skills. Das Projekt wird vom Zentrum International Projects in Education (IPE) der PH Zürich koordiniert.

Erfahrung im Umgang mit Gewalt
Der Austausch von Wissen ist eines der wichtigsten Elemente für eine erfolgreiche, nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit. Jede Organisation oder Institution arbeitet mit verschiedenen Methoden und weiss, welche Praxis vor Ort funktioniert und welche nicht. Für das IPE war es wichtig, dass das Projekt mit «Chance for Children» einen Bildungsaustausch beinhaltet, das heisst, dass auch Dozierende in der Schweiz von der Expertise der Lehrpersonen in Ghana profitieren können. Die Expertise der Sozialarbeitenden von «Chance for Children», die ehemalige Strassenkinder unterrichten, zeigte sich nach zwei Projekteinsätzen des IPE in Ghana deutlich: Sie haben grosse Erfahrung im Umgang mit Gewalt und der Integration von traumatisierten Kindern in die Gesellschaft und in die Schule. Um Kinder betreuen zu können, die jahrelang im Slum lebten, braucht es ein funktionierendes Team. Ein Team, das die Kompetenzen eines jeden zu jeder Zeit abrufen kann und miteinander genau so menschlich und tolerant umgeht, wie es für die diffizile Arbeit mit traumatisierten Kindern nötig ist.

Dieses Wissen teilte die fünfköpfige Delegation von CfC anlässlich ihres Besuches im vergangenen Mai in Zürich mit den Dozentinnen und Dozenten der PH Zürich. Die Sozialarbeitenden Rose Tegayi, Seth Torto und Osman Adam sowie Awuley Nartey, der Manager des Knabenheimes von «Chance for Children», sprachen über die Anforderungen an ihre Arbeit und präsentierten einzelne Fallstudien. Wie etwa von Akua (Name geändert): Ihr Vater verliess die achtköpfige Familie, die Mutter hatte kein Geld mehr und schickte Akua zu einer Frau nach Ghana. Diese misshandelte sie und schickte sie als Wasser-Verkäuferin auf die Strasse. Akua lief weg und trieb sich im Slum von Accra herum. Dort sahen sie die Strassenarbeiter von CfC, klärten lange ab, ob das Mädchen doch nicht zur Mutter zurückkehren konnte, und nahmen es schliesslich in das Mädchenheim von CfC auf. Akua geht von dort aus zur Schule. Sie musste lernen, wieder Vertrauen in sich und Erwachsene zu fassen. Die Unterstützung bei der Entwicklung des Selbstwertes von Kindern ist eine grosse Kompetenz der Sozialarbeitenden von CfC. Sie erreichen das durch ihre grosse Präsenz und durch das ständige Erinnern der Kinder an ihre Stärken. Das IPE hat die Sozialarbeitenden dabei mit seinem neu entwickelten Lehrmittel «ME» – «Discover your strengths, develop your self-esteem» unterstützt. Das Lehrmittel bietet praktische Übungen und fokussiert darauf, dass es in vielen Situationen weder richtig noch falsch gibt und dass nicht jede Fähigkeit gemessen, sondern manchmal einfach nur erlebt werden kann.

Während der Projektwoche von CfC in Zürich besuchte die Delegation auch eine QUIMS-Schule in Aussersihl und die Schule Schauenberg zum Thema integrative Förderung. Die CfC-Mitarbeitenden waren von den Fördermassnahmen für die Schülerinnen und Schüler, zum Beispiel den kleinen Klassen sowie den sonderpädagogischen Lehrerinnen und Lehrern sehr beeindruckt. Die Delegation beobachtete aber auch, dass sich trotz aller Fördermassnahmen für die Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch die Schweizer Kinder am meisten meldeten und am besten sprechen konnten.

Inspiration durch partizipative Methoden
Ein anderer Unterschied zeigt sich in der Kultur des Lernens. Daniela Rüdisüli Sodjah, die ihr Lehrerpatent in der Schweiz gemacht hat, wünschte sich vom IPE bereits zu Beginn des Projektes eine Weiterbildung für die Lehrpersonen ihrer NGO zum Thema Fachdidaktik. Denn sie weiss, wie wichtig es ist, die Schülerinnen und Schüler mit aktivierenden und partizipativen Methoden zu inspirieren und nicht nur auf den Frontalunterricht und das Nachsprechen von Wörtern zu fokussieren.

Im Heim «Fennergut» in Küsnacht, das die CfC-Delegation ebenfalls besuchte, zeigte sich ein anderer Unterschied zu Ghana. Elsbeth Ball, die Leiterin des Kindergutes, erklärte, dass viele Eltern ihre Kinder nicht in einem Heim platzieren wollen, obwohl laut Ermittlungen der Behörden der Sohn oder die Tochter von der familiären Situation stark überfordert ist. In Ghana, so sagten Osman Adam und Awuley Nartey, seien viele Eltern froh, wenn das Kind in einem Heim lebt, da sie ihm vieles davon nicht bieten können, was ein funktionierendes Heim hat.

Das gemeinsame Projekt mit «Chance for Children» wird noch zwei Jahre weitergeführt. Demnächst reisen Dozentinnen und Dozenten der PH Zürich für Seminare in Fachdidaktik Englisch und Psychologie nach Ghana.

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Franziska Agosti ist Projektleiterin im IPE der PH Zürich.

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