Ting bu dong – ich höre, verstehe aber nichts

Christine Bieri Buschor – Seitenblick

Christine Bieri Buschor – Seitenblick

So sprachlos hatte ich mich noch nie gefühlt. Eben hatte ich – es war anfangs 2013 – in Shenzen die Grenze zu China überschritten. Nach der Passkontrolle suchte ich vergeblich den Bus nach Guangzhou, der drittgrössten Stadt Chinas, in der ich ein halbes Jahr während meines Sabbaticals leben, forschen und Kontakte zu einer unserer Partneruniversitäten knüpfen wollte. Alles kam mir chinesisch vor, niemand sprach Englisch. «Ting  bu dong», sagen die Chinesen dazu:  «Ich höre, verstehe aber nichts.»
Den richtigen Bus fand ich schliesslich doch noch: Ich rief einen meiner Englisch sprechenden chinesischen Kollegen an und erklärte ihm, wohin ich wollte. Anschliessend hielt ich einem Beamten mein Handy ans Ohr. Die beiden sprachen kurz  miteinander und der Beamte wies  mir den Weg zum Bus. Auf dem  Weg nach Guangzhou fällte ich eine folgenreiche Entscheidung: Ich musste Mandarin lernen, die meistgesprochene Sprache der Welt.

Schnell beherrschte ich die wichtigsten Sätze für den Alltag:  Wie viel kostet das? Bitte biegen Sie links ab! Wo ist die nächste U-Bahnstation? Ich mag Tee! Ich bin nicht Amerikanerin. Ich bin aus der Schweiz, dem Land der Uhren und Schokolade. Damit schaffte ich  den einfachen Alltag, war aber immer noch nicht fähig, ein Menu auszuwählen, wenn die Speisekarte keine Bilder enthielt. Mit grossem Respekt wagte ich mich schliesslich an die Schrift. Je nach Quelle existieren bis zu 107 000 Zeichen, 3 500 bis 6000 reichen,  um die Zeitung zu lesen.

Meine erste Lehrerin,  Lizzy, plagte mich mit Diktaten. Wenn ich mich nicht mehr an  die Wörter und ihre Schreibweise erinnerte, meinte sie dann kopfschüttelnd: «bu hao» («nicht gut»). Unter diesem Druck versuchte  ich, mir die Zeichen als Gestalten einzuprägen. Nach drei Monaten machten sich erste Zeichen einer Gedächtnisüberlastung bemerkbar. Ich versuchte es mit verschiedenen Lernstrategien. Aber Modelle des selbstständigen Lernens zu kennen und tatsächlich lernen zu müssen, sind zwei verschiedene Dinge.  Meine gewählte Lernstrategie mag altmodisch klingen: üben, üben, üben und sich über jeden kleinen Fortschritt freuen, etwa wenn  ich mir «Handy» («shou ji») besser einprägen konnte, weil ich es  mit den entsprechenden Zeichen  (Hand – Maschine) verband.  Nach einem halben Jahr hatte ich mein ursprüngliches Ziel übertroffen: Ich konnte 1 800 Zeichen lesen und schreiben. Sprache ist bekanntlich das Tor zur Welt. Und so habe auch ich eine neue Welt entdeckt, aber auch erfahren, wie anstrengend Lernen sein kann.  Seit meiner Rückkehr aus dem Sabbatical kämpfe ich gegen das Vergessen. Plötzlich kann ich einem Wort keine Bedeutung mehr zuschreiben, obwohl ich es kenne.

Eine Sprache von Grund auf zu lernen, habe ich als grosse Bereicherung erlebt. Ich hatte längst vergessen, wie viel Kinder lernen müssen auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Nun verstehe ich, welche Hürden insbesondere Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Erwerb  einer Zweitsprache überwinden müssen.

Die hohe Bedeutung des Übens und der Lernziele hatte übrigens bereits der berühmteste chinesische Lehrer, Konfuzius, betont. Ich übe also weiter und behalte das Ziel vor Augen: bis zu meiner Pensionierung kann ich lesen.

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Christine Bieri Buschor ist Forschungsgruppenleiterin in der Abteilung «Forschung und Entwicklung» an der PH Zürich.

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