Googeln will gelernt sein

Primarschul-Studentin Katherine Waldvogel von der PH Zürich greift das Thema Internetsuche in ihrem Quartalspraktikum auf – und macht dabei eine unerwartete Erfahrung: Was wir Erwachsenen für selbstverständlich halten, ist für eine 3. Primarklasse kein Kinderspiel. Eindrücke einer Schulstunde im World Wide Web.

«Wir werden heute mit dem Computer arbeiten», kündigt Katherine Waldvogel an. Ein freudiges Raunen geht durch die Pultreihen. Unterricht am Rechner ist für die 3. Klasse des Schulhauses Dorf in Dübendorf nicht an der Tagesordnung. «Bevor wir die Laptops holen, wollen wir aber erst die Aufgabe dieser Stunde besprechen», bremst Waldvogel die Vorfreude und lässt jedes Kind blind einen Zettel aus ihrer Hand ziehen. Darauf stehen die Namen verschiedener Brücken – Brooklyn Bridge, Kappelbrücke oder Ponte dei Salti etwa. «Über eure Brücke werdet ihr später einen Text schreiben», erklärt die junge Lehrerin, «und in dieser Stunde sucht ihr im Internet die Informationen, die ihr dazu benötigt.» – «Sie, Brücken sind langweilig», murrt ein Schüler, «können wir nicht ein anderes Thema nehmen?»

An den Brücken gibt es nichts zu rütteln. Die Klassenlehrerin Käthi Rauber nimmt an einem Programm teil, mit dem die Naturwissenschafts-Kenntnisse in der Primarschule gefördert werden sollen. Darin eingebettet ist ein Unterrichtsblock mit Experimenten zum Ingenieurwesen am Beispiel Brücken. Das Thema war Katherine Waldvogel und ihrer Mitstudentin Stephanie Gygax für das gemeinsame Quartalspraktikum (siehe Box am Ende des Artikels) daher vorgegeben. Freigestellt war den beiden Studentinnen hingegen, wie sie es mit der Klasse erarbeiten würden.

Analoge Schule im digitalen Zeitalter

Katherine Waldvogel entschied sich, im Deutschunterricht das Thema Brücken mit einer Internetsuche zu verbinden. «Ich wollte Schule mal anders machen», sagt sie. Die Kinder ausschliesslich in Sachbüchern und Nachschlagewerken recherchieren zu lassen, sei heutzutage nicht mehr zeitgemäss. «Die PH Zürich legt grossen Wert auf Medienbildung und ermutigt uns Studierende, Medien im Unterricht vermehrt zu thematisieren und als Hilfsmittel einzusetzen», erzählt die Studentin. Das sei auch richtig so, schliesslich seien Medien, insbesondere die digitalen, nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Umso mehr erstaunt es, dass die Primarschule trotz digitaler Wende weitgehend analog funktioniert. Sie habe sich die meisten Computeranwendungen noch selber beibringen müssen, erinnert sich die 22-Jährige. «Zu meiner Schulzeit hatten wir erstmals im Gymnasium Informatikunterricht.»

Daran hat sich bis heute nur wenig geändert, weiss die Studentin. «Was wir an der PH Zürich bezüglich Medienbildung lernen, ist in der Praxis noch immer nicht sehr verbreitet.» Die Digitalisierung hält nur schleichend Einzug im Klassenzimmer. Es sind die jungen Lehrpersonen wie Katherine Waldvogel, die Generation der Digital Natives, die diese Entwicklung langsam, aber sicher vorantreiben. «Ich finde es wichtig, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass das Internet ein sehr hilfreiches Werkzeug sein kann, wenn man es richtig zu benutzen weiss.» Das wissen allerdings die wenigsten. Zwar scheinen die Dübendorfer 3.-Klässlerinnen und 3.-Klässler im Umgang mit dem Rechner schon geübt zu sein – Computerprogramme wie die Lesewerkstatt haben sie bei Käthi Rauber mehrfach benutzt –, sich im World Wide Web zurechtzufinden ist für sie jedoch eine neue Herausforderung.

Suchbegriffe sind der Schlüssel

Bei Praktikantin Waldvogel hat die Klasse in der Woche zuvor zum ersten Mal mit dem Internet gearbeitet. «Wir haben uns angeschaut, was eine Internetrecherche überhaupt ist. Also wie sie funktioniert, welche Suchmaschinen es gibt und welche Rolle Suchbegriffe spielen», erzählt die angehende Lehrerin. Das sei nicht so einfach gewesen, wie sie es sich vorgestellt hätte. «Die Kinder tun sich ziemlich schwer mit den theoretischen Aspekten. Sie haben Mühe, Ausdrücke wie ‹Suchbegriff› zu fassen und Beispiele dafür zu finden.» Damit dies in dieser Stunde besser klappt, schreibt Waldvogel Suchwörter als Orientierungshilfe für die bevorstehende Brücken-Recherche an die Wandtafel: Standort, Länge, Baujahr, Material, Nutzung usw. Auf einem Arbeitsblatt hat sie entsprechende Leitfragen zusammengestellt.

Unterdessen haben sich die Schülerinnen und Schüler Laptops aus dem Lehrerzimmer geholt. Nach den letzten Instruktionen von Frau Waldvogel – «Wer auf YouTube surft oder auf einer anderen Seite, die nichts mit unseren Thema zu tun hat, geht raus!» – kann es losgehen.

In null Komma nichts fährt Sergio* seinen Computer hoch, loggt sich ein, startet den Browser und lässt sich von Google die ersten Suchresultate zur Henderson Wave Bridge anzeigen. «Ich bin jeden Tag am Compi», erklärt er stolz und wählt die Bildersuche aus. «Wow», er stupst seinen Banknachbarn an, «schau mal, wie cool meine Brücke aussieht!» Dann klickt er auf «Maps», wirft einen kurzen Blick auf die Karte und notiert auf dem Arbeitsblatt bei der Frage nach dem Standort: Singapur.

Das World Wide Web macht, was es will

Nicht alle sind so schnell wie Sergio. «Man merkt natürlich, wer zuhause Zugang zu einem Computer hat», sagt Katherine Waldvogel und hilft einer Schülerin, die Probleme beim Einloggen hat. Auch bei anderen drückt der Schuh. «Frau Waldvogel, wo steht denn hier, wie lange meine Brücke ist?» – «Sie, was heisst das?» – «Wieso lande ich immer auf diesen blöden Hotelseiten?» – «Ich habe zwei verschiedene Baujahre gefunden. Welches ist denn jetzt das richtige?» Fragen über Fragen. Immer wieder schnellen die Hände in die Höhe, und hilfesuchende Blicke sind auf Katherine Waldvogel gerichtet. Zum Glück sind auch Stephanie Gygax und Käthi Rauber mit Rat und Tat zur Stelle.
«Mit einer 20-köpfigen Klasse am Computer zu arbeiten, ist ganz schön anstrengend», sagt Waldvogel, «aber der Aufwand lohnt sich.» Den Schülerinnen und Schülern macht es sichtlich Spass, den Wissensschatz des World Wide Web zu entdecken. Natürlich ist sich die angehende Lehrerin auch der Schattenseiten des Internets bewusst. «Umso wichtiger ist es deshalb, die Kinder im Unterricht eng zu begleiten und ihnen frühzeitig den kritischen Umgang mit diesem Medium beizubringen.»

Namensvetter und andere Fallen

Dass nicht alle Inhalte, die eine Google-Suche ausspuckt, auch brauchbar sind, ist vielen Schülerinnen und Schülern noch nicht bewusst. «13 Kilometer? Schau dir mal die Bilder an. Bist du dir sicher, dass deine Brücke so lang ist?», fragt Katherine Waldvogel eine Schülerin. «Das steht hier», verteidigt die sich. Derweil notiert Sergio beim Baujahr seiner futuristischen Henderson Wave Bridge unbeirrt «1929». Schliesslich hat er diese Zahl auf der Seite gefunden, die bei seiner Suchanfrage ganz weit oben erschien. Die Überschrift «Paul Whiteman and Orchestra» weckt in ihm keinen Verdacht. Und dass im Text von «CD-Release», «Jazz» und einem gewissen Fletcher Henderson die Rede ist, fällt ihm auch nicht weiter auf.

Katherine Waldvogel schmunzelt. Für Kinder sei die Informationsflut eben nicht so einfach zu bewältigen. «Wir Erwachsenen können einen Text schnell überfliegen, selektiv lesen und wichtige Wörter herausfiltern. Diese Fähigkeit haben Kinder in der 3. Klasse noch nicht.» Auch dass sich hinter blauen oder anderswie ausgezeichneten Wörtern Schlüsselbegriffe und weiterführende Links verbergen, sei für die Kleinen nicht so intuitiv, wie wir Erwachsenen glaubten. «Wenn die Schülerinnen und Schüler auf einer Seite wie Wikipedia landen, müssten sie den Artikel von A bis Z durchlesen, um den Inhalt zu erfassen. Das ist mühsam und kostet viel Zeit.»

Empfehlenswert sei deshalb der Einsatz von Kindersuchmaschinen. Diese speziell an die Bedürfnisse der kleinen Nutzer angepassten Programme schützen nicht nur vor unseriösen und kommerziellen Seiten, sie suchen das Netz auch nach kindergerecht aufbereiteten Beiträgen ab. Mithilfe der Website Blinde-kuh.de stösst eine Schülerin beispielsweise auf einen Steckbrief ihrer Brücke, der einfach geschrieben ist und ihr auf einen Blick die wichtigen Informationen vermittelt. Ein Glückstreffer.

Fazit: Schwierig!

Nicht über jede Brücke lässt sich so einfach so viel in Erfahrung bringen. Auf manchen Arbeitsblättern stehen denn auch nur ein paar wenige Antworten, als Katherine Waldvogel die Klasse auffordert, die Übung abzuschliessen und die Laptops herunterzufahren. «Es geht mir nicht darum, dass die Schülerinnen und Schüler alle Informationen perfekt zusammentragen. Sie sollen einfach ausprobieren und sich mit der Internetsuche vertraut machen», sagt die Studentin, während sie die Blätter einsammelt. «Und, wie war es für euch?», will sie von der Klasse zum Abschluss der Stunde wissen. «Schwierig!», folgt einhellig die Antwort. Es ist eben noch kein Digital Native vom Himmel gefallen – auch googeln will gelernt sein.

* Name geändert

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Das Quartalspraktikum

Im Rahmen ihrer Ausbildung absolvieren Studierende an der PH Zürich ein so genanntes Quartalspraktikum mit dem Ziel, die Anforderungen der Berufsrealität kennen zu lernen. Es findet jeweils im vierten (Kindergarten, Kindergarten-Unterstufe, Primarstufe) bzw. im sechsten (Sekundarstufe I) Semester statt und dauert sieben Wochen.

Das Praktikum ist in zwei Lernphasen unterteilt: in eine vierwöchige vor den Frühlingsferien und eine dreiwöchige nach den Ferien. In der Regel übernehmen jeweils zwei Studierende gemäss ihrem Fächerprofil während dieser Zeit den gesamten Unterricht auf ihrer Zielstufe. Vorgängig bereiten sich die Studierenden vier Wochen lang spezifisch in den entsprechenden Unterrichtsfächern sowie in Medienbildung, Kommunikation und Konfliktbewältigung vor.

Die Studentinnen und Studenten werden während des Praktikums intensiv betreut und unterstützt durch Mentorinnen und Mentoren und Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktiker der PH Zürich sowie durch die Lehrpersonen der Schulklasse, in der die Studierenden unterrichten (Praxislehrpersonen).

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