Eine Lehrerin als Verkäuferin im Warenhaus

Judith König mag schöne Waren. So lag es auf der Hand, dass sie das Praktikum im Rahmen ihrer Intensivweiterbildung (IWB) im Warenhaus Manor absolvierte. Dabei konnte sie auch von ihrem Know-how als Handarbeitslehrerin profitieren.

«Heute werden am Morgen nur wenige Leute den Weg in den Laden finden», sagt Judith König und öffnet die Türe des unscheinbaren Hintereingangs zum Manor-Gebäude. Es ist ein nasskalter Freitagmorgen. Die Handarbeitslehrerin steht in der fünften Woche ihres Praktikums und kennt die Vorlieben der Kundschaft bereits sehr gut: «Wenn es regnet, ist die Einkaufslust nicht sehr gross», sagt sie, während sie die Treppe hinuntergeht zu den Garderoben für die Mitarbeitenden.
Die Uhr zeigt inzwischen acht Uhr. In einer halben Stunde öffnet der Laden. Bis es soweit ist, gibt es viel zu tun. In den Gängen stapeln sich die Kisten mit den Waren zum Auspacken und Einräumen in die Regale. «Wir helfen uns unter den Mitarbeitenden gegenseitig aus. Anders funktioniert der Betrieb hier nicht.» Die Zusammenarbeit im Team schätzt Judith König besonders an ihrer Arbeit im Manor. Gleichzeitig bezeichnet sie dies als einen der grossen Unterschiede zu ihrer Tätigkeit in der Schule. «Als Lehrerin ist man oft auf sich alleine gestellt.»

Judith König kennt noch nicht von allen Waren den Bestimmungsort. In den meisten Fällen aber versorgt sie die Badezimmer-Accessoires, Pfannen und Elektrogeräte routiniert am richtigen Platz. «Das Auspacken mag etwas eintönig wirken. Ich mache es jedoch gerne. In der Schule muss ich immer gleichzeitig an mehrere Dinge denken. Hier kann ich mich auf eine Sache konzentrieren. Die Belastung in den Beinen ist gross, dafür erhält der Kopf eine Pause.» Auch dass sie für eine gewisse Zeit weniger Verantwortung übernehmen muss als in der Schule, tue ihr gut: «Einmal ohne Druck arbeiten zu können, geniesse ich sehr.» In zwei Wochen ist ihr Praktikum beendet, dann geht sie zurück in die Schule. «Ich würde gerne länger hier bleiben, freue mich aber auch wieder auf meine Schülerinnen und Schüler», sagt sie.

Besondere Form von Wertschätzung

Kurze Zeit später treffen vereinzelt die ersten Kundinnen und Kunden ein. Judith König wirft immer wieder ein Auge auf die Kasse. Wollen viele Leute gleichzeitig bezahlen, springt sie sofort ein und unterstützt ihre Kollegin. Das Auspacken dauert in der Regel bis zum Mittag. «Danach sind wir ausschliesslich für die Anliegen der Kundschaft da.» Diesen Kontakt schätzt Judith König besonders. «Ich berate die Leute sehr gerne, das liegt mir. Sind sie zufrieden, bin ich es auch.» Just in diesem Moment spricht sie ein Kunde an, der einen bestimmten schwarzen Faden sucht. Problemlos findet sie das Gesuchte. Der Mann bedankt sich und geht zufrieden zur Kasse. «Diese Form von Wertschätzung fehlt mir in der Schule manchmal.»

Judith König geht in ihrer Freizeit selber gerne einkaufen. Sie mag es, in Läden zu stöbern und nach schönen Dingen Ausschau zu halten – insbesondere nach speziellen Stoffen oder Wolle. Schnell kam sie deshalb auf die Idee, sich für ihr IWB-Praktikum bei Manor zu bewerben. Suchen Kundinnen nach einer bestimmten Wolle, kann sie ihr ganzes Know-how einbringen. «Das sind tolle Momente, wenn ich auf Leute mit gleichen Interessen treffe.»

Auf dem Weg ins Lager, wo Judith König für eine Kundin einen Artikel holt, kommt sie auf das Thema Mitarbeiterführung zu sprechen. «In der Schule bin ich selbständig und habe viele Freiräume. Das schätze ich an meinem Beruf. Hier hingegen wird mir genau gesagt, was ich zu tun habe.» Auch wenn die Schule zurzeit weit weg ist, denkt sie hin und wieder an ihre Klassen im Schulhaus Langwiesen in Wülflingen. Sie macht sich auch Gedanken darüber, wie es der Vikarin ergeht, die ihre Schülerinnen und Schüler während ihrer Abwesenheit unterrichtet. Einmal hat sie im Manor eine Lehrerin aus ihrem Team getroffen. «Das war ein spezieller Moment. Wir waren beide sehr überrascht.»

Im Lager fällt als Erstes das emsige Treiben auf. Ein Teil der Mitarbeitenden ist mit Auspacken beschäftigt, andere holen eine bestimmte Ware ab, wieder andere bauen Regale auf. «Hier kommt man als Kundin nie hin. Es ist eine schöne Erfahrung, den Betrieb hinter den Kulissen zu erleben und ein Teil des Teams zu sein.»
In der anschliessenden Kaffeepause denkt Judith König an die erste Phase nach dem Praktikum. «Ich werde sicher etwas Zeit brauchen, bis ich mich wieder an den Schulalltag gewöhnt habe.» Sie nimmt sich dabei etwas ganz Bestimmtes vor: «Ich werde versuchen, künftig am Abend und am Wochenende keine Arbeiten zu Hause zu erledigen. So erhalte ich eine gewisse Distanz zum Arbeitsplatz. Das ist mir im Manor sehr gut gelungen.»

Intensivweiterbildung (IWB) für Lehrpersonen

Lehrpersonen der Volksschule im Kanton Zürich haben nach mindestens zehn vollendeten Dienstjahren Anrecht auf eine Auszeit in ihrem beruflichen Alltag in Form einer so genannten Intensivweiterbildung (IWB) an der PH Zürich. Im Profil «Ausserschulisches Lernen» beinhaltet diese u.a. ein siebenwöchiges Praktikum in einem Betrieb. In der kommenden Ausgabe «Akzente» besuchen wir im Rahmen der Serie «Blick in eine andere Berufswelt» eine Lehrerin in ihrem Praktikum in der Gärtnerei «Stiftung Brunegg».

Weitere Informationen zur IWB:
phzh.ch/intensivweiterbildung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.