Eine Frage, drei Antworten: Wie führen Sie Ihre Klasse?

Lilo Lätzsch, 62, ZLV-Präsidentin, Sekundarlehrerin.

Lilo Lätzsch, 62, ZLV-Präsidentin, Sekundarlehrerin.

Vielleicht stimmt die Geschichte – wahrscheinlich nicht, aber erzählt wird sie immer wieder. Sorgen um allfällige Konsequenzen muss man sich nicht machen, denn eventuelle Protagonisten wären längst von der Bildfläche verschwunden. Eine sehr schwierige Klasse, ein Lehrer (!) nach dem anderen wirft das Handtuch – wohlgemerkt ohne mediale Orchestrierung, die gab es vor Jahrzehnten noch nicht. Bis zum Tag X. Ein neuer Lehrer betritt das Klassenzimmer, stellt seine Mappe auf das Pult und fixiert die Klasse. Unvermittelt geht er auf einen Schüler zu und verpasst ihm links und rechts eine Ohrfeige. Anschliessend öffnet er seine Mappe, schlägt ein Buch auf und beginnt mit der Lektion. Nach kurzer Konsternation konzentriert sich die Klasse auf den Unterricht und vergisst gänzlich, dass sie auch diesen Lehrer schnellstmöglich loswerden wollte. Fortan war die unführbare Klasse eine normale Schulklasse. Die auch heute noch gültige Moral der Geschichte: Es gibt Klassen, die sozial so unglücklich zusammengesetzt sind, dass Störungen überwiegen und eigentlicher Unterricht nicht möglich ist. Der Schlüssel für die Lösung liegt in der Klassenführung. Die Kunst besteht darin, so schnell wie möglich die Hierarchien zu erkennen und adäquat zu handeln. Der Superlehrer aus der Geschichte hat (ausser den der Vergangenheit angehörenden Ohrfeigen) alles richtig gemacht: Er tritt selbstbewusst auf, nimmt zielsicher den Rädelsführer ins Visier und präsentiert anschliessend eine spannende Lektion. Unter anderem um solche Situationen zu meistern, absolvieren Lehrpersonen eine Ausbildung an der PHZH, die sie mit einem Bachelor oder Master of Arts in Education abschliessen; Klassenführung ist eine Kunst.

Aziz Topyürek, 33, Sekundarlehrer, Schule Letzi in Zürich.

Aziz Topyürek, 33, Sekundarlehrer, Schule Letzi in Zürich.

Die intensive Arbeit als Lehrperson begeistert mich, fordert mich heraus und zeigt mir die schönsten Seiten des Berufs.  Das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler ist mir ein Anliegen. Deshalb lege ich Wert auf eine positive Atmosphäre, die angenehmes, förderndes und kooperatives Arbeiten zulässt. Ich achte darauf, dass die Lernzeit optimal ausgenutzt ist. Es ist elementar, dass wir in  der Klasse sinnvolle Umgangsregeln bestimmen, an die sich alle halten. Regeln geben Sicherheit und stärken den Selbstwert. Dabei ist mir Transparenz wichtig, im Klassenrat reflektieren wir Regeln und passen sie an. Respekt, Wertschätzung und Toleranz sind unabdingbar, dabei bin ich mir meiner Vorbildrolle bewusst. Im Unterricht dürfen Humor und Freude nicht fehlen!

Benedikt Rüttimann, 48, Quereinstieg-Student, Primarstufe:

Die Aussage findet sich in jedem Ratgeber: Classroom Management ist die Voraussetzung für guten Unterricht. Bevor ich im letzten August meine erste Klasse übernahm, las ich also ein paar Bücher. Ich beschloss, mich beim Führen meiner Schülerinnen und Schüler vom Common Sense leiten zu lassen. Vernunft war noch nie eine schlechte Wahl. Das Resultat war ernüchternd – für beide Seiten. Ich rang mit dem Stoff und dem täglichen Chaos. Die Kinder rangen mit sich selber und auch mit dem Stoff. Es dauerte lange, bis ich mir eingestand, dass Dialog und Selbstdisziplin allein wenig bewirkten. Ich beschloss, mein Verhalten  zu ändern. Ich setzte auf einfache Regeln, klare Grenzen und rasche Sanktionen. Das Resultat war verblüffend. Nach zwei Wochen meinte eine Gruppe von Kindern: «Toll, das neue Klima, endlich können wir arbeiten.» Das Geheimnis des Erfolgs? Hartnäckiges  und konsequentes Handeln. Und Gespräche, die eine Vertrauensbasis schufen. Kinder brauchen Vertrauen, um Grenzen zu akzeptieren.

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