Die Welt der Medien in die Schule bringen

Medien und neue Technologien entwickeln sich in rasantem Tempo. Davon betroffen ist auch die Schule. Um den Wandel als Chance zu nutzen, müssen Medien im Unterricht zum Thema werden.


Im Grunde gehörte die Vermittlung von Kompetenzen für einen reflektierten Umgang mit Medien schon immer zu einem guten Schulunterricht. Seit ihren Anfängen ist die Schule auf Medien angewiesen, um Wissen weiterzugeben und Wirklichkeiten zu vermitteln. Und spätestens seit McLuhans «The Medium is the Message» ist klar, dass Medien Inhalte nicht einfach transportieren, sondern selbst formgebend, rezeptions- und damit wirklichkeitsbestimmend sind. Trotzdem wurden deren Mechanismen, Wirkungen und Hintergründe lange Zeit höchstens am Rande des Unterrichts behandelt. Durch die grundlegend neuen Bedingungen von Wissensvermittlung und Informationsbeschaffung, die Omnipräsenz der Medien und ihrer Inhalte im Alltag, aber auch die möglichen Schattenseiten und Risiken neuer Technologien wie Cybermobbing oder Sexting, hat das Thema heute die Aufmerksamkeit erlangt, die es schon längst verdient hätte. «Nun ist die Zeit reif, um die Medienbildung als festes Bildungsziel in Schule und Gesellschaft zu verankern», sagt Friederike Tilemann, Leiterin des Fachbereichs Medienbildung der PH Zürich. «Da Informations- und Kommunikationstechnologien heute ein grosses gesellschaftliches Thema sind, tritt die Medienbildung immer stärker in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit.» Tilemann betont, dass diese einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit leistet: «Nur die Schule hat die Möglichkeit, allen Kindern systematisch Medienkompetenz zu vermitteln.»

Doch weiss man auch, woran sich medienbildnerischer Unterricht orientieren soll, wenn sich technologische Innovationen und Nutzungsmöglichkeiten immer schneller entwickeln? «Medienbildung stellt nicht Geräte und spezifische Technologien, sondern den Menschen und dessen Mediennutzung in den Mittelpunkt», macht Tilemann klar. So lässt sich eine grundsätzlich kritische Reflexionshaltung auf ganz verschiedene Formate anwenden – auch solche, die künftige Technologien mit sich bringen werden. Egal, ob man im Unterricht klassische Printmedien, Instant-Messaging-Anbieter oder Social Media zum Thema macht, sie sollen stets durch die kritische Brille betrachtet werden. Denn die Fragen nach Wirklichkeit und Fiktion, den Mechanismen und kommerziellen Hintergründen von Medien bleiben die gleichen, nur werden sie stets unter neuen Bedingungen gestellt. Medienkompetenz beinhaltet daher die Fähigkeit, neue Technologien und Mediensysteme einzuordnen und einzuschätzen.

Weg zur Medienbildung

«Wir müssen unsere Studierenden nicht davon überzeugen, dass Medienbildung wichtig ist. Für diese Generation, die Medien als grossen Teil des Alltags erlebt, ist es selbstverständlich, dass Chancen und Risiken unserer Mediengesellschaft in der Schule thematisiert werden müssen», erklärt Flurin Senn. Er ist als Dozent für Medienbildung tätig und leitet den Bereich Bildung und Erziehung auf der Sekundarstufe I der PH Zürich. «Wir möchten unseren Studierenden einen reflektierten, kritischen, aber auch lustvollen Umgang mit Medien vermitteln», fügt Senn hinzu. Dazu gehört, dass man diese im Unterricht kreativ und produktiv einzusetzen weiss.

Medienbildung beinhaltet sowohl das Lernen über Medien (Medien als Thema) als auch das Lernen mit Medien (Medien als Lernwerkzeug). In der Ausbildung an der PH Zürich kommen beide Seiten von Medienbildung zum Tragen. Den Studierenden wird grundlegendes medienbildnerisches Wissen vermittelt. Dazu gehören Fakten zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, zu Medienwirkung ebenso wie Hintergrundwissen über ökonomische Zusammenhänge und Konzepte kreativer Medienarbeit. Sowohl auf Schüler- wie auf Lehrerseite sind Ausprobieren und eigenes Erfahren essenziell, um nachhaltige und tiefgreifende medienbezogene Fähigkeiten auszubilden. In der Ausbildung an der PH Zürich lernen die Studierenden daher zahlreiche Beispiele kennen, wie sie Medien gewinnbringend im Unterricht einsetzen und thematisieren können, um Medienkompetenzen zu fördern.

Dabei zeigt sich, dass das Lernen mit Medien und das Lernen über Medien zwei Seiten einer Medaille bilden und nur theoretisch voneinander getrennt werden können. Werden Medien als Recherchewerkzeug bei gesellschaftspolitischen Themen genutzt (Lernen mit Medien), gehören immer auch Fragen zum Wissen über Produktionsbedingungen und Mediensysteme (Lernen über Medien) dazu. Medienkritische Fragen sind hier relevant: In welcher Weise beeinflussen Medienberichte unsere Meinungsbildung? Worin unterscheidet sich ein von einer Fachredaktion erarbeiteter Artikel von einer aktuellen Twittermeldung zu demselben Thema? Nach welchen Kriterien wählt die «Tagesschau»-Redaktion ihre Meldungen aus? Mediennutzung muss also heissen, ihre Bedingungen reflektieren zu können.

«Gemeinsam mit den Studierenden suchen wir nach Möglichkeiten, wie sie Medienbildung fächerübergreifend in den Unterricht integrieren können», sagt Flurin Senn. Neben der fachdidaktischen Auseinandersetzung lassen sich oft Bezüge zur Lebenswelt der Heranwachsenden machen. Aktuelle Themen und Interessen aus der Medienwelt der Schülerinnen und Schüler sollen im Unterricht aufgegriffen werden, Selfies und Whats-App-Chats dürfen ohne Weiteres zum Thema oder gar zur Erzählform gemacht werden, wenn dabei Raum für kritische Denkanstösse geschaffen wird.

Klare Regeln schaffen Raum

Im Lehrplan des Kantons Zürich ist Medienbildung seit dem Jahr 2000 verankert. Als fächerübergreifendes Unterrichtselement kommt sie in der Praxis allerdings unterschiedlich zum Tragen. Während bei manchen Lehrpersonen die Angst vor technologischer Inkompetenz oder der Mangel an Praxisideen Grund für ein eher stiefmütterliches Behandeln von Medienbildung sein können, starten die Abgängerinnen und Abgänger der PH Zürich mit einem medienpädagogisch gut bestückten Rucksack. Und doch gelingt die Umsetzung in der Praxis auch ihnen nicht immer. Trotz der praxisnahen Vorbereitung kann Medienbildung beim Berufseinstieg zwischen Stuhl und Bank fallen, weil die Lehrpersonen mit der Unterrichtsgestaltung sowie zahlreichen Aufgaben wie Elterngesprächen oder Teamsitzungen jenseits des regulären Unterrichts bereits stark ausgelastet sind.

Dem kann eine Schule mit einem klar definierten Medien- und ICT-Konzept entgegenwirken. Darin können Fragen zur technischen Ausstattung der Schule und zur Mediennutzung im Unterricht, aber auch zu internen und externen Kommunikationsformen geregelt werden. Sollen Eltern die Lehrpersonen per Mail oder gar per SMS kontaktieren dürfen? Wie kann unter den Lehrpersonen effizient kommuniziert werden und schulinternes Wissen clever gespeichert und gehandhabt werden? Im Auftrag des Bildungsrates stellt der Kanton Zürich für die Volksschule einen Leitfaden zur Ausarbeitung eines schuleigenen Medien- und ICT-Konzeptes zur Verfügung (ICT-Guide). Dieses zeigt Themen und mögliche Formen einer Ausgestaltung auf. «Wie überall gibt es auch hier kein Patentrezept», sagt Flurin Senn. «Jede Schule muss selbst entscheiden, welches Konzept am besten zu ihr passt.» Zahlreiche Faktoren wie Finanzen, politische Träger, Zusammensetzung der Lehrerschaft müssen dabei berücksichtigt werden, im Idealfall entsteht ein Konzept unter Einbezug von Behörden, Lehrpersonen, Kindern und Eltern.

Mit dem iPad zur Schule

Fredi Augustin musste mit seiner Klasse klare Regeln zur Nutzung eines bestimmten Mediums ausmachen. Der Sekundarlehrer der Oberstufe Wädenswil startete im August 2013 ein iPad-Pilotprojekt mit einer ersten Sekundarklasse. Jede Schülerin, jeder Schüler erhielt ein Tablet, das im Unterricht und zu Hause zu Lernzwecken benutzt werden darf. Zuvor musste allerdings ein sechsseitiger Vertrag unterschrieben werden, in dem Fragen zu Nutzungsbereich, Privatsphäre und Haftung geregelt sind. Augustins Klasse bewegt sich generell etwas abseits vom traditionellen Schulalltag. Sie ist Teil des Projekts Lilo (Lernen in Lernlandschaften an der OSW), für welches die Oberstufe Wädenswil letztes Jahr mit dem erstmals vergebenen Schweizer Schulpreis prämiert wurde. Inputzimmer, persönlicher Arbeitsplatz und mobile Lernstationen ersetzen das Klassenzimmer, Arbeit im individuellen Lerntempo am Wochenplan fixe Stundenpläne. «Da ist es sehr praktisch, wenn man Lehrmittel und Arbeitsutensil immer dabei hat», sagt Fredi Augustin. Er ist begeistert von den zahlreichen Möglichkeiten, die das Tablet für den Unterricht bietet. Neben Sprachlernprogrammen oder Anatomie-Apps sind auf den iPads seiner Schülerinnen und Schüler Mindmap-Skizzen, selbst produzierte Fotoromane oder mündliche Zusammenfassungen eines Zeitungsberichts als Videodatei zu finden. Gemeinsam mit seiner Klasse tastet sich Augustin an eine sinnvolle Nutzung von Tablets und anderen digitalen Medien heran. «Das iPad muss Mittel zum Zweck bleiben», sagt Augustin bestimmt und fügt hinzu, dass das Warum der jeweiligen Anwendung stets mitgedacht werden müsse. Fordert er seine Klasse im Vorfeld einer Inputlektion zu einer Internetrecherche auf, so schickt er dieser Fragen zu Objektivität und Glaubwürdigkeit von Informationen sowie Tipps zu Recherchetechniken und -portalen voran.

Die selbstverständliche Einbindung von medienbildnerischen Themen in den Unterricht hat einerseits mit den Interessen und dem Engagement des technologieaffinen Lehrers zu tun, andererseits mit dem Besuch eines Moduls der Weiterbildung zum pädagogischen ICT-Supporter (PICTS), das Augustin an der PH Zürich besuchte. «Die Weiterbildung hilft mir, das Schulfeld in unserer Mediengesellschaft einzuordnen und zu verstehen.» Besonders hilfreich für Augustin ist das Netzwerk von interessierten Lehrpersonen, mit denen er Erfahrungen mit digitalen Medien, aber auch Lernmaterialien austauschen kann – digital versteht sich. Multimedial nutzbare Lehrmittel sind nach wie vor Mangelware, daher gestaltet sich die Vorbereitung für den iPad-Unterricht heute bei manchen Projekten noch um einiges aufwendiger als der Unterricht mit klassischen Lehrmitteln.

Wenn Augustin beim Durchstöbern des App-Stores auf interessante Apps trifft oder in Fachzeitschriften neue digitale Lehrmittel findet, gibt er dieses Wissen auch beim Kaffee im Lehrerzimmer weiter. Künftig wird dieser Austausch gezielter stattfinden, wenn Augustin seine Kolleginnen und Kollegen als ausgebildeter pädagogischer ICT-Supporter in medienbildnerischen, mediendidaktischen und technologischen Fragen weiterbilden wird.

Kleine, aber nachhaltige Schritte

«Den pädagogischen ICT-Supportern kommt ein Stück weit die Rolle einer Aussenstelle der PH Zürich zu», sagt Thomas Stierli, Bereichsleiter Medienbildung in der Abteilung Weiterbildung an der PH Zürich. «Dank ihnen können auch Lehrpersonen sensibilisiert werden, die um medienbildnerische Fragen und den Einsatz neuer Technologien einen grossen Bogen machen.» Oft liegen dieser Abwehrhaltung unbegründete Ängste zugrunde, denn für die Vermittlung von Medienkompetenzen muss man kein Mediencrack sein. «Eine Lehrperson muss der Klasse keineswegs mit ausgereiften Anwenderkompetenzen gegenübertreten», sagt Stierli. Schliesslich sitzen im Schulzimmer heute lauter kleine Technikexperten. Wichtiger als eigene technische Kompetenzen sind daher Strategien, wie Lehrpersonen das technologische Praxiswissen der Digital Natives nutzen und durch den eigenen kritischen Blick und die Lebenserfahrung ergänzen können. Kennt sich eine Schülerin beispielsweise besonders gut mit Videoschnitttechniken aus, so kann ein Lehrer, der davon wenig versteht, trotzdem ein Filmprojekt mit seiner Klasse starten. Dafür muss er lediglich einen Weg finden, um das Know-how der Schülerin zu fördern und im Unterricht einzusetzen.

Im Kursangebot der PH Zürich sind auch niederschwellige Angebote wie iPad-Schnupperkurse oder die Kursreihe «Mit der Maus im Kindergarten» zu finden. «Wir holen die Lehrpersonen dort ab, wo sie stehen, und arbeiten lieber an kleinen Projekten, die umsetzbar sind», sagt Stierli. Realistisch und nachhaltig heissen die Stichworte des Weiterbildungsangebots. Diese gelten generell für den Umgang mit Medienbildung. Denn für die Ausbildung von Medienkompetenzen ist kein technologisch top ausgerüstetes Schulzimmer nötig, aber eines, in dem die Chancen und Risiken der aktuellen Medienwelt angesprochen werden – Schritt für Schritt.

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Weitere Informationen: www.phzh.ch/medienbildung

4 thoughts on “Die Welt der Medien in die Schule bringen”

  1. Ich kenne keinen Fussballtrainer, der nicht Fussball spielen kann – und keinen Komponisten, der nicht wenigstens 1 Instrument spielen kann. Ich weiss aber, dass der Computer als Unterrichtsmittel an der PHZH nicht stattfindet. Die frischen PHZH-Abgänger und die Praktikanten aus der PHZH bestätigen allesamt diese Aussage. Sie brauchen ihren persönlichen Computer lediglich als Schreibmaschine.

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    1. Beat Rüedi hat wenigstens einen Namen und ein Bild, ist also eindeutig identifizierbar. Auf „Admin“ trifft dies leider nicht zu. Digitale Medienkompetenz beginnt dort, wo wir von Beginn weg Gesicht zeigen und Verantwortung über unsere Publikationen im Internet übernehmen.
      Freundliche Grüsse, Beat Rüedi, Fachlehrer Schulmusik I und Digital Educational Media Designer

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