Schulisches Lernen: selbstorganisiert ist nicht autonom

Hans Berner

Hans Berner über Widerstände im Klassenzimmer

In der öffentlich gemachten Standortbestimmung einer Zürcher Privatschule zu ihrem evaluierten Schulmodell heisst es: «Das ‹selbstverantwortete Lernen› ist das Kernstück des pädagogischen Konzepts, was im Grundsatz von allen Seiten, den Lernenden, Lehrpersonen und den Eltern, als richtig und erstrebenswert eingestuft wird». Dieses sogenannte selbstverantwortete Lernen ist unbestritten ein pädagogischer «brand» geworden, der nicht nur schulische Leitbilder schmückt: Formulierungen wie Lernerfolgsoptimierung durch selbstverantwortetes Lernen oder selbstverantwortetes individualisiertes Lernen mit Kompetenzrastern und individueller Lernberatung kommen gut an.

Sehr beliebt ist auch eine Steigerung mit dem noch mehr versprechenden Begriff autonomes Lernen. Unter dem Titel «Wie lerne ich autonom?» wird man auf der Homepage eines Selbstlernzentrums mit einer Flut von Autonom-Fragen bedient: «Wer kann autonom lernen? Wie soll ich mein autonomes Lernen anpacken? Wie soll ich mein autonomes Lernen reflektieren? Wie soll ich mein autonomes Lernen evaluieren? Wie soll ich mein autonomes Lernen adaptieren?»

Es kann sicher nicht schaden, wenn wir das Adjektiv autonom kurz unter die Lupe nehmen. Im Duden heisst es zur Herkunft des Wortes: «griechisch autónomos, zu: nómos = Gesetz». Folgerichtig bedeutet autonom sich selbst Gesetze gebend. Als Synonyme werden im Duden genannt: eigenständig, eigenverantwortlich, selbstbestimmt, selbstverantwortlich, unabhängig, weisungsfrei. Für viele Pädagoginnen und Pädagogen sind das wunderbare Worte, die sie sich gewissermassen auf der Zunge zergehen lassen und die Herzen höher schlagen lassen.

Eine interessante Frage: Lässt sich schulisches Lernen mit den Adjektiven selbstverantwortlich oder autonom treffend beschreiben? Passen Eigenschaftswörter wie selbstbestimmt, unabhängig oder weisungsfrei zum real existierenden schulischen Lernen? Lernen, das wesentlich dadurch charakterisiert ist, dass sich Schülerinnen und Schüler ihre Lehrpersonen nicht ausgesucht haben – genauso wenig wie umgekehrt. Lernen, in dem sich selbstbestimmte Zeit- und Ort-Wünsche auf Gruppenarbeiten oder Lernateliers beschränken. Lernen, in dem notenrelevante Fremdbeurteilung eine Sog-Wirkung entfaltet. Im oben genannten Evaluationsbericht wird am Rande erwähnt, dass einige Schülerinnen und Schüler am Wort selbstverantwortlich zweifeln. Sie glauben, dass die meisten von ihnen vor allem für die Lehrpersonen und die Noten lernen. Und: Sie würden das Wort selbstverantwortlich durch selbstorganisiert ersetzen.

Respekt für die Ehrlichkeit dieser Schülerinnen und Schüler. Respekt dafür, dass sie checken, was andere nicht wirklich begriffen haben wollen, weil sie sich hartnäckig weigern, Abhängigkeiten und Widersprüchlichkeiten zu erkennen. Und Paradoxien zwischen Worten und Taten harmonisierend-gutmütig ausblenden.

Um nicht missverstanden zu werden: Nichts gegen den Weg der Schule zu emanzipatorischen Bildungs- und Lernzielen. Kein Plädoyer für ein in gewissen Kreisen modisch gewordenes Pochen auf Anpassung und Tugenden. Aber dezidiert etwas gegen unkritisch-naive Verschleierung und Verwischung von Tatsachen, die für die Betroffenen so was von offensichtlich sind.

Hans Berner ist Dozent für Pädagogik an der PH Zürich.

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