Gut gerüstet in den Lehrberuf starten

Der erste Eindruck entscheidet. Wenn der Berufseinstieg von Lehrpersonen erfolgreich verläuft, ist viel gewonnen – für die ganze Laufbahn. Damit dies gelingt, arbeitet die PH Zürich eng mit dem Schulfeld zusammen. Vom ersten Studientag an.

Max hat wieder einmal verschlafen. Seine Eltern schlagen die Einladung für ein Treffen aus. Der Schulleiter bittet um ein Gespräch, ebenso die IF-Lehrperson, und der administrative Berg wächst. Während erfahrene Lehrpersonen meistens einen Umgang mit den hohen Ansprüchen an den Beruf gefunden haben, sind solche Situationen für Berufseinsteigende im besten Fall herausfordernd, sie können aber auch zur Belastung werden.

Jedes Jahr schliessen Hunderte Frauen und Männer das Studium an der PH Zürich ab mit dem Ziel, eine kompetente Lehrperson zu werden. Um die umfassenden Anforderungen im Lehrberuf abzudecken, arbeitet die PH Zürich mit dem sogenannten Kompetenzstrukturmodell. Es besteht aus 12 Standards, zum Beispiel «Fachspezifisches Wissen und Können», «Lernen und Entwicklung», «Motivation und Interesse», «Heterogenität», «Partizipation und soziales Umfeld» oder «Beruf in der Lebensbalance». Sie verdeutlichen die Vielfalt an Kompetenzen, über welche eine Lehrperson verfügen muss, um manchmal auch unerwartet auftauchenden, nicht immer einfach zu bewältigenden Herausforderungen gewachsen zu sein. Mit Praktika und spezifischen Lerngefässen während des Studiums und durch die

Forschung trifft Basis
Auch die Forschung an der PH Zürich setzt sich intensiv mit den aktuellen Themen des Berufseinstiegs auseinander, beispielsweise indem sie Studierende, Dozierende und Lehrpersonen befragt. Auf dieser Basis entwickeln Fachleute die entsprechenden Aus- und Weiterbildungsangebote für Studierende und Berufseinsteigende.

Manuela Keller-Schneider forscht an der PH Zürich als Dozentin auf der Primarstufe im Bereich Bildung und Erziehung. Sie ist in einer ihrer Untersuchungen unter anderem der Frage nachgegangen, welche Herausforderungen Berufseinsteigende besonders beschäftigen. Die Resultate hat Keller-Schneider gesammelt, in 80 Anforderungen zusammengefasst und anschliessend von Berufseinsteigenden in einem Fragebogen beurteilen lassen. «Berufseinsteigende strukturieren die Anforderungen anders als erfahrene Lehrpersonen, weil sie in einer anderen Berufsphase stecken», sagt Keller-Schneider.

Berufseinsteigende schätzen sich gemäss Keller-Schneider als kompetent ein: «Aber die Werte liegen tiefer als bei den Berufserfahrenen. Die Einsteigenden sind sich wohl bewusst, dass das Lernen weitergeht. Und das ist für eine Professionalisierung ganz entscheidend.» Was ist ihrer Ansicht nach die wichtigste Herausforderung für Berufseinsteigende? «Den Unterricht individuell zu gestalten, d.h., alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen, und zwar über eine längere Zeit.» Aber das sei auch für Erfahrene zentral, weil nie wirklich Routine aufkomme. Mit anderen Worten steht die Frage im Zentrum: Wie schaffe ich es, dass wirklich alle etwas lernen? Und wie teile ich meine Kräfte ein? Das gelte für Regelstudierende wie für Quereinsteigende – mit einer Einschränkung: «Quereinsteigende sind erfahrene Berufsleute, lebenserfahren – aber manchmal auch fixierter.»

Ausbildung mit Wirkung
Mit ähnlichen Fragestellungen befasst sich Matthias Baer, Dozent und Forscher auf der Sekundarstufe I an der PH Zürich und an der Universität Zürich. Für ihn ist von Interesse, mit welchen Mitteln und in welcher Qualität die in den Beruf einsteigenden Lehrpersonen unterrichten. Es brauche Einblicke in die Wirksamkeit der Ausbildung, damit die richtigen Aus- und Weiterbildungen entwickelt werden könnten, sagt er. Die Ergebnisse seiner Forschungsprojekte in Zusammenarbeit mit den Pädagogischen Hochschulen St. Gallen, Weingarten (D) und Vorarlberg (A) zeigen: Angehende Lehrpersonen der Primarschule wissen nach ihrer eigenen Einschätzung und gemäss den Beurteilungen durch die Expertinnen der Forschungsgruppe am Ende des Studiums so viel und unterrichten so gut wie erfahrene Lehrpersonen, die als Praxislehrpersonen die Studierenden in den Praktika betreuen. «Entgegen der Meinung vieler erfolgt der Kompetenzerwerb hauptsächlich im Studium, während sich in der Phase des Berufseinstiegs kaum mehr Veränderungen feststellen lassen», sagt Matthias Baer. Studien zeigen auch, dass z.B. die Planungskompetenz während des Studiums von Jahr zu Jahr signifikant zunimmt. Die Ausbildung habe eine gute Wirkung. Das heisse nicht, dass man nichts verbessern könne. Matthias Baer: «Wer in den Beruf einsteigt, sieht sich mit allen Ansprüchen der beruflichen Tätigkeit konfrontiert.» In dieser Situation können Beistand und Unterstützung durch Erfahrene zusätzliche Sicherheit geben und im Falle von Schwierigkeiten die nötige Hilfe bieten.

Erste Schritte in der Praxis
Viele Resultate aus der Forschung fliessen in die konkreten Angebote der PH Zürich ein – auch in die berufspraktische Ausbildung. Diese ist integrierter Bestandteil des Studiums an der PH Zürich und umfasst ca. 25 Prozent der gesamten Studienzeit. Für Petra Moser ist dies die interessanteste Phase der Ausbildung, dort zeige sich deren Erfolg. Für die Bereichsleiterin «Berufspraktische Ausbildung 1. Studienjahr» besteht eine der grössten Herausforderungen in der Verknüpfung von theoretischen und praktischen Kompetenzbereichen. Sie ist fernab der Realsituation nicht einfach zu leisten: «Wir versuchen, mit möglichst konkreten Schulsituationen zu arbeiten. Dadurch sollen die Studierenden das theoretisch erworbene Wissen in der Praxis anwenden können. Dabei werden sie von Praxislehrpersonen begleitet.» Diese sind aus Sicht der Studierenden eine wichtige Lernquelle. Die Praxislehrpersonen fungieren als Modell, sind aber auch ganz zentrale Interaktionspartnerinnen und -partner.

Schon in den ersten Wochen des Studiums haben die Studierenden Gelegenheit, mit ausgewählten Unterrichtsaufträgen erste Erfahrungen vor einer Klasse zu machen. Während der Ausbildung unterrichten sie in unterschiedlichen Klassen. So können sie ihre theoretischen Kenntnisse und Kompetenzen in realen Unterrichtssituationen an verschiedenen Klassen praktisch umsetzen. Mit zunehmender Studiendauer übernehmen die Studierenden umfangreichere und anspruchsvollere Unterrichtsaufgaben: Sie beginnen mit Teillektionen, erteilen dann ganze Unterrichtsstunden und sind schliesslich für den Unterricht von Tagen und Wochen verantwortlich.

Akteurinnen und Akteure aller Art
Ein grosser Bedarf nach Unterstützung besteht bei den Studierenden in den Bereichen Klassenführung und Elternarbeit. «Den Umgang mit anspruchsvollen Schülerinnen und Schülern und mit den Eltern sehe ich als grösste Herausforderung», sagt Petra Moser. Aus diesem Grund werden diese Themen in der Ausbildung ins Zentrum gerückt – insbesondere im sogenannten «Lernfeld 4».

An der PH Zürich bestehen vier Lernfelder. In ihnen ist das sogenannte problembasierte Lernen zentral: die Auseinandersetzung mit Problemsituationen, die sich im Praxisfeld zeigen können. Das Lernfeld 4 im letzten Ausbildungssemester auf der Eingangs- und Primarstufe bezieht sich auf die Standards «Kooperation, Partizipation und soziales Umfeld», «Schule und Gesellschaft» sowie «Schule als Organisation» des Kompetenzstrukturmodells. Es ist für das Frühlingssemester 2014 überarbeitet worden und entspricht so den aktuellsten Gegebenheiten im Schulfeld und den Bedürfnissen der Studierenden. «Wir versuchen, mit dem Lernfeld 4 eine Brücke zum Berufseinstieg zu schlagen. Im Zentrum steht das Thema ‹Handlungsfeld Schule›», sagt Claudia Ziehbrunner, Bereichsleiterin «Bildung und Erziehung» auf der Primarstufe. Dabei gehe es um die Lehrperson in Kooperation mit weiteren Akteuren und Akteurinnen. Das Feld sei gross – und werde immer grösser: Hort, Schulsozialarbeit, Schulpsychologischer Dienst, Deutsch als Zweitsprache (DaZ), Schulische Heilpädagogik, Schulleitung, Team, Eltern. Mit diesen Ansprechgruppen müsse die Lehrperson eine möglichst gute Zusammenarbeit finden. Die Studierenden sollten im letzten Semester direkte Begegnungen mit ihnen haben: Sie besuchen die Akteure und Akteurinnen, führen Interviews vor Ort und bringen ihre Erfahrungen zurück in die PH Zürich. So erfahren sie das Schulfeld mit Blick auf den bevorstehenden Berufseinstieg. Und wiederum ist Problem-based Learning möglich – für den «letzten Schliff». Ebenfalls Bestandteil der Ausbildung ist die Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen auf Sekundarstufe I und im Quereinstieg. Die Studierenden befassen sich damit in ähnlich ausgerichteten Ausbildungsgefässen.

Wie bringe ich alles unter einen Hut?
Nach Abschluss der Ausbildung folgt die zweijährige Berufseinführung, die auch gesetzlich verankert ist: Die PH Zürich hat gemäss Verordnung über die Berufseinführung der Lehrpersonen der Volksschule den Auftrag, diese Einführung zu leisten. Warum ist das nötig? Matthias Weisenhorn vom Volksschulamt des Kantons Zürich (VSA): «Im Lehrberuf gibt es keine Schonfrist wie in anderen Berufen. Die Lehrperson ist von Anfang an zu 100 Prozent auf sich gestellt. Sie muss vom ersten Moment an die an sie gestellten Anforderungen erfüllen.» Für Weisenhorn ist der Übergang vom Studium in die Praxis zentral. «Es ist ganz wichtig, dass der Start in den Beruf gelingt. Die professionelle Unterstützung in dieser Phase ist absolut notwendig.» Das VSA sei froh, dass die PH Zürich dem Berufseinstieg einen grossen Stellenwert beimesse und professionell arbeite.

Dazu tragen auch Barbara Dangel und ihr Team bei. Sie sind an der PH Zürich für das Angebot der Berufseinführung verantwortlich, welches neben der Fachbegleitung am Arbeitsort ein spezifisches Kursprogramm, eine dreiwöchige Weiterbildung und Einzel- und Gruppensupervisionen umfasst. Für die Bereichsleiterin «Beruf und Profession» der Abteilung Weiterbildung an der PH Zürich ist es wichtig, dass die Angebote bedürfnisorientiert ausgerichtet sind und die Berufseinsteigenden praxisnahe Inputs für ihren Alltag und bei Bedarf niederschwellige Unterstützung erhalten. Es zeige sich immer wieder, dass sich die Berufseinsteigenden fachlich kompetent fühlen und vor allem im Überfachlichen stark gefordert sind: «Die Klassenführung fordert, die Zusammenarbeit mit den Eltern auch. Und natürlich auch die Beurteilung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler.» Werden diese Kompetenzen nicht schon im Studium vermittelt? «Man kann auf den Lehrberuf nicht so vorbereiten wie auf andere Berufe. Gewisse Situationen lassen sich nicht simulieren», präzisiert Dangel. Klar gebe es Fallbeispiele. Aber im eigenen Schulzimmer sei jede Situation anders. Die Berufseinsteigenden müssten schnell entscheiden, reagieren, Wissen modifizieren. Das sei learning by doing.

Starthilfe im Schulhaus
Beim «Lernen durch Tun» setzt insbesondere die Fachbegleitung an. Die Fachbegleiterinnen und Fachbegleiter werden an der PH Zürich ausgebildet und stehen für eine niederschwellige und spontane Begleitung im Schulhaus. Isabelle Rohrer ist eine von ihnen. Die Primarlehrerin unterrichtet an der Schule am Wasser in Zürich und begleitet Berufseinsteigende. «Ich biete Starthilfe – manchmal auch Schwimmhilfe.» Rohrer macht es Spass, sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der neuen Lehrpersonen einzulassen. Das öffne auch den eigenen Blick für die Arbeit. «Ich kann mit Erwachsenen arbeiten, habe fachlichen und persönlichen Austausch, kann Wissen und Erfahrungen weitergeben – und habe einen Perspektivenwechsel.» Sie sei Anlaufstelle für alle Fragen: Vom Fotokopierer bis zum Elterngespräch, vom Lehrmittel bis zum Elternabend. Die Berufseinsteigenden entscheiden selber, wie oft sie die Fachbegleitung in Anspruch nehmen – und wofür. Isabelle Rohrer findet es toll, dass sie die Berufseinsteigenden nicht bewerten muss. «Ich bin einfach da, wenn es mich braucht. Als Mensch und als Fachperson. Das ist spannend – und sinnvoll.»

Das sieht Sonja Pfäffli auch so. Die Kindergärtnerin aus dem Schulhaus Leutschenbach in Zürich findet sogar, es sei nicht mehr als fair, dass sie sich als Fachbegleiterin engagiere. Sie sei selber nach 26 Jahren wieder eingestiegen – ohne Begleitung. Und das sei schwierig gewesen. Seit vier Jahren hat sie offene Türen und Ohren für die Anliegen der berufseinsteigenden Kindergärtnerinnen in ihrem Schulhaus. Und diese Anliegen seien recht unterschiedlich. Bei den regulär Studierenden gehe es vor allem um Klassenführung, Abläufe sowie Formalitäten. «Wiedereinsteigerinnen haben bereits Berufserfahrung, sind aber etwas aus der Übung. Da fahre ich am besten mit Hospitation auf kollegialer Basis.» Am meisten Support brauchen gemäss Pfäffli die Quereinsteigenden: «Sie beginnen schon während des Studiums zu unterrichten, sind in der Praxis, bevor sie üben und reflektieren konnten. Und haben vorher beruflich etwas ganz anderes gemacht.» Was muss jemand mitbringen, um eine gute Fachbegleitung zu bieten? Sonja Pfäffli: «Berufs- und Lebenserfahrung. Man muss offen sein für Neues, flexibel – und neugierig auf andere Ideen und Gedanken. Besserwisserei kommt schlecht an.» Aber das alles sei eine Frage der Haltung. Ob als Fachbegleitung, Lehrperson oder in einem anderen Beruf.

Am 13. Juni 2014 führt die PH Zürich eine Tagung zum Thema «Berufseinstieg von Lehrpersonen» durch. Dabei werden Modelle der Berufseinführung diskutiert, im Zentrum steht die Professionalisierung der Lehrpersonen in dieser spezifischen Berufsphase.
www.phzh.ch/tagung-berufseinstieg

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