Erfolgreicher Einstieg dank klarer Regeln

Natascha Hürlimann hat im Sommer eine fünfte Primarschulklasse in Kilchberg übernommen. Für die Berufseinsteigerin stellen gerade kleine Aufgaben im Schulalltag eine besondere Herausfor-derung dar. Beim Schulbesuch an einem Mittwochmorgen zeigt sich, dass sie diese bereits gut bewältigt.

Der Zürichsee liegt an diesem Morgen wie ein graues Tuch hinter den hohen Fenstern des Primarschulhauses Kilchberg. Ein nasskalter Nebelmorgen, doch im Zimmer 4 im 1. OG herrscht alles andere als trübe Stimmung. Ein poppiger Song läuft ab Band, 19 Kinder hüpfen und tanzen im Schulzimmer herum und singen dann laut den englischen Text mit. Es ist die Schulklasse von Natascha Hürlimann, die im vergangenen Sommer ihr Studium an der PH Zürich abgeschlossen hat. Mit dieser fünften Primarschulklasse hat die Berufseinsteigerin eine besonders lebendige Klasse erwischt. Doch die junge Lehrerin weiss mit der Energie ihrer Schülerinnen und Schüler umzugehen.

Wichtige Hilfsmittel
Nach dem lautstarken Einstieg steht Religion und Kultur auf dem Stundenplan. Die Kinder sollen nach einem Besuch bei zwei Pfarrern der Gemeinde in Teams einen Text über die reformierte Kirche schreiben – auf Laptops, die aus dem Nebenzimmer geholt werden. Hürlimann lässt den Kindern freien Lauf, es wird getippt und laut diskutiert, bei vielen Teams weniger über die Fakten, sondern vielmehr über die verwendeten Schriftarten und die Platzierung eines Bildes. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug, schon steht die Pause an. «One, two, three – eyes on me», sagt Natascha Hürlimann ruhig, worauf die Klasse prompt mit «One, two – eyes on you» antwortet und sie mitteilen kann, dass die Texte vor der Pause noch ausgedruckt werden müssen.

Das Spiel, das sich an diesem Mittwochmorgen noch einige Male wiederholt, ist nur eines von zahlreichen Hilfsmitteln, mit der die Lehrerin für Ruhe im Schulzimmer sorgt. Schon im Studium beschäftigte sich Hürlimann intensiv mit dem Thema Classroom Management, und doch blieben beim Berufseinstieg viele Fragen offen. «Erst im Schulalltag zeigt sich, wie wichtig klar definierte Regeln für eine optimale Lernatmosphäre sind», erklärt Hürlimann. «Wie man etwa das Einsammeln der Blätter organisiert, mit den Eltern kommuniziert oder für Ordnung im Schulzimmer sorgt, muss allerdings jeder mit seiner Klasse selbst herausfinden.»

Herausforderung spornt an
In der zweiten Lektion steht Natascha Hürlimann nicht vor der Klasse, sondern hinter ihr. Einmal pro Woche wird ihre Klasse für die Musiklektion in Bläser, Streicher und Chor aufgeteilt, um mit einer anderen fünften Klasse ein Konzert einzuüben. In der Rolle des Teamteachers beobachtet Hürlimann, wie die Kinder mit dem Musikpädagogen singen und Rhythmusübungen machen. Beim Besprechen eines englischen Liedes an der Wandtafel fällt einem ihrer Schüler auf, dass ein I fälschlicherweise klein geschrieben ist. Ein Strahlen geht über das Gesicht der jungen Lehrerin, sie freut sich, dass ihre Arbeit fruchtet. «Es ist schön, wenn man seine Klasse auch einmal von aussen betrachten darf und Fortschritte erkennt», meint Hürlimann anschliessend in der 10-Uhr-Pause auf dem Weg ins Lehrerzimmer. «Ich habe mich bewusst für eine 100-Prozent-Stelle entschieden, da ich so die Entwicklung meiner Schülerinnen und Schüler jeden Tag miterleben kann.» Auch die Verantwortung, die diese Stelle mit sich bringt, übernehme sie gerne, schliesslich sei sie nach drei Jahren Ausbildung bereit dafür.

«Die ersten Wochen waren schon happig», erzählt Hürlimann beim Kaffee im Lehrerzimmer. Da es jedes Fach von Grund auf vorzubereiten galt und administrative Aufgaben wie etwa die Organisation des Telefonalarms oder Materialabrechnungen zu Beginn enorm zeitaufwändig sind, fiel nicht nur über Mittag und bis spät am Abend Arbeit an, sondern auch regelmässig am Wochenende. So musste sich die Berufseinsteigerin schnell von den Vorzeigelektionen, die sie aus den Praktika kannte, verabschieden. «Ein höchst individualisierter Unterricht in jeder Lektion ist am Anfang schlicht nicht umsetzbar und zudem von vielen Eltern auch nicht erwünscht», erklärt Hürlimann. Sie hat gerade die ersten Elterngespräche hinter sich, wobei sie mit gewissen Eltern schon vorher Kontakt hatte, da diese zum Teil gar per SMS oder WhatsApp Fragen zum Unterricht oder zur individuellen Benotung stellten.

«Ich bin in Rüschlikon aufgewachsen und wusste daher, worauf ich mich einlasse», meint Hürlimann gelassen. Natürlich sei in Gemeinden wie Kilchberg oder Küsnacht die Präsenz und der Druck der Eltern, von denen viele ihre Kinder gerne im Gymnasium sähen, grösser als in anderen Gemeinden. Doch für sie sei dies vor allem ein zusätzlicher Ansporn, ihre Arbeit gut zu machen und die Schüler ideal auf die Oberstufe oder die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium vorzubereiten.

Wenn es um 12 Uhr läutet, ist für Natascha Hürlimann noch nicht Mittag. Erst 20 Minuten später sind alle Rucksäcke gepackt, Fragen beantwortet und ein kurzes Gespräch mit einer Mutter geführt. Foto: Elisabeth Real

Wenn es um 12 Uhr läutet, ist für Natascha Hürlimann noch nicht Mittag. Erst 20 Minuten später sind alle Rucksäcke gepackt, Fragen beantwortet und ein kurzes Gespräch mit einer Mutter geführt. Foto: Elisabeth Real

Gutes Klassenklima
An Abwechslung mangelt es dem Unterricht auf jeden Fall nicht. In der dritten Lektion sollen die Kinder selbständig an ihren Mathematikaufgaben arbeiten, doch zuvor stellt Hürlimann erst einige Rätselfragen, um die Konzentration der Energiebündel nach der Pause wieder herzustellen. Die Schülerinnen und Schüler haben sichtlich Spass an den kniffligen Fragen, doch nach einiger Zeit schreit ein Junge: «Sie nehmen immer Gruppe A dran!», andere stimmen ein. «Haben die Sie bestochen?», fragt der Junge gewitzt. Natascha Hürlimann reagiert souverän auf diesen Angriff. Sie stellt sich vor die Klasse, wartet, bis sich alle beruhigt haben, und meint dann: «Du hast Recht, es ist nicht ganz einfach für mich, richtig auszuwählen. Überlegt euch doch, wie ich das besser machen könnte, und bringt mir morgen Vorschläge mit.» Dabei kommt nicht die Unsicherheit einer Anfängerin zum Vorschein, sondern das Bemühen um Fairness und eine gute Beziehung zu der Klasse.

In der Deutschstunde vor dem Mittag zeigt sich dieses arbeitsfördernde Klima noch einmal. Fünf Schüler erzählen vom Zukunftstag, bei dem sie Verwandte oder Bekannte bei der Arbeit begleiten durften. Auf die interessanten Vorträge gibt es spontane Feedbacks der Schülerinnen und Schüler. Die Glocke um 12 Uhr läutet für Hürlimann noch nicht die Mittagspause ein. Erst um 20 nach zwölf sind alle Rucksäcke gepackt, Fragen beantwortet und ein kurzes Gespräch mit einer Mutter geführt, danach geht es endlich in den Mittag. Meist isst Hürlimann mit einer zweiten Berufseinsteigerin und einem älteren Lehrerkollegen zusammen. Mit ihnen tauscht sie sich neben Fragen zum Unterricht auch über Privates aus. Generell fühlt sich Natascha Hürlimann gut aufgehoben in Kilchberg, auch dank der Unterstützung einer Fachbegleitung. Diese hilft dort weiter, wo Lücken zwischen Ausbildung und Berufsalltag bestehen, etwa bei Fragen zu Prüfungen und Bewertungskriterien. Auf die Frage, ob sie als 23-Jährige nicht manchmal überfordert sei, reagiert Hürlimann erstaunt: «Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich zu jung bin.» Auch wenn die ersten Wochen streng waren und viele Aufgaben auf die junge Lehrerin warteten, die sie weder im Studium noch in den Praktika üben konnte, so ist sie gut gestartet. «Vieles funktioniert besser, als ich gedacht habe», meint Hürlimann und fügt überzeugt hinzu: «Es läuft.»

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