Eine Lehrerin im Zirkus Monti

Schon als Kind wollte Silvia Rellstab in einem Zirkus arbeiten. Jetzt ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. Im Rahmen einer Weiterbildung der PH Zürich absolvierte die Unterstufen­lehrerin im Zirkus Monti ein sieben­wöchiges Praktikum.

Es ist Mittwochnachmittag, 14 Uhr. Noch eine Stunde, dann beginnt im Zirkus Monti die nächste Vorstellung. Silvia Rellstab steht in der Küche ihres Wohnwagens und serviert den Besuchern aus der PH Zürich Kaffee aus der Espressomaschine und Guetzli. «Mein Kühlschrank ist immer voll. Das wissen inzwischen alle Zirkusmitarbeitenden. Häufig sitzen wir am Abend nach der Aufführung zusammen und trinken etwas», sagt sie. Diese Momente geniesst und schätzt die 58-jährige Unterstufenlehrerin. «Wir sind wie eine Familie, alle sind füreinander da und man hilft sich gegenseitig.»

Was nach purer Zirkusromantik klingt, ist in Tat und Wahrheit auch harte Arbeit. Die Tage sind lang, viel länger als in der Schule, und der Job körperlich anstrengend. Meistens wird es Mitternacht, bis Silvia Rellstab ins Bett kommt, um sechs Uhr ist sie schon wieder auf den Beinen und bereitet das Frühstück für die Zirkusleute vor. Als grössten Unterschied zu ihrem Alltag als Lehrerin bezeichnet sie jedoch weder die physische Belastung noch die Dauer der Arbeitstage: «Hier ist der Tag tatsächlich beendet, wenn ich am Abend meine Wohnwagentüre schliesse. Im Alltag als Lehrerin bleiben die Gedanken auch am Feierabend häufig in der Schule hängen und ich habe oft das Gefühl, noch irgendetwas erledigen zu müssen. Das Abschalten fällt mir teilweise schwer.»

Grosse Augen beim Besuch ihrer Klasse
Inzwischen steht Silvia Rellstabs erster Einsatz im Zirkuszelt kurz bevor. Als Platzanweiserin begleitet sie das Publikum zu ihren Sitzen. Darunter sind wie an Mittwochnachmittagen üblich viele Krippen und Eltern oder Grosseltern mit ihren Kindern. «Am Anfang hatte ich ganz schön Mühe, die Plätze zu finden. Doch jetzt habe ich es im Griff», sagt sie, während sie die nächste Gruppe in Empfang nimmt und zielstrebig in Richtung einer der hinteren Bankreihen schreitet.

Nach kurzer Zeit haben sich alle Besucherinnen und Besucher auf ihren Plätzen eingerichtet. Es ist Punkt 15 Uhr, die Vorstellung beginnt. Zeit für Silvia Rellstab, kurz durchzuatmen. Als Nächstes steht die Vorbereitung der Pause an. Das heisst: Abfalleimer im Vorzelt leeren, Getränke bereitstellen, den Zuckerwattestand einrichten, den Boden wischen. Letzteres ist nicht unbedingt Silvia Rellstabs Lieblingsbeschäftigung. «Doch es gehört auch dazu», sagt sie und leert lachend einige Popcorn-Reste in den Abfallsack. Heute ist eine der letzten Vorstellungen in Zürich, danach geht es weiter nach Bern. Dort endet Silvia Rellstabs Praktikum. «Die Auszeit von der Schule hat mir sehr gut getan. Ich konnte meine Kräfte auftanken», sagt sie rückblickend. Trotz der wertvollen Erfahrung freut sie sich auch wieder auf den Unterricht. Ihre Klasse – sie unterrichtet eine Doppelklasse mit 1.- und 2.-Klässlern – hat sie einmal im Zirkus besucht. «Das war eine spezielle Erfahrung, als plötzlich meine Schülerinnen und Schüler vor mir standen. Sie hatten grosse Freude, mich im Zirkus zu treffen.»

Mitten im Gespräch hält Silvia Rellstab plötzlich inne. Im Zirkuszelt ertönt die Musik der letzten Nummer vor der Pause. Noch wenige Minuten, dann werden die Besucherinnen und Besucher ins Vorzelt strömen. Gemeinsam mit einer Kollegin ist Silvia Rellstab heute für den Zuckerwattestand eingeteilt. «Erfahrungsgemäss werden wir in der Mittwochnachmittagsvorstellung regelrecht überrannt», sagt Silvia Rellstab. Und so ist es dann auch. Innert kurzer Zeit tummeln sich vor dem Stand Horden von Kindern. Die zwei Frauen kommen kaum nach, alle Bestellungen aufzunehmen. Nach 15 Minuten ist der Spuk und damit die Pause vorbei. «Ich habe es gern, wenn etwas läuft», sagt Silvia Rellstab zufrieden. Man merkt ihr die Begeisterung förmlich an. «Die strahlenden Augen der Kinder vor dem Zuckerwattestand erinnern mich an meine Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich auf etwas freuen.»

Zur Abwechslung eine Zuckerwatte
Nach dem Aufräumen der Überbleibsel steht für Silvia Rellstab bereits der nächste Termin an: die Besprechung des Wochenplans und die Zuteilung der Aufgaben. Danach geht’s um sechs Uhr zum Essen und anschliessend schon bald an die Vorbereitungen für die Abendvorstellung. Silvia Rellstab wird dann die Bar bedienen. «Das ist eine schöne Abwechslung zur Zuckerwatte», sagt sie und lacht. Am Abend, wenn das Publikum hauptsächlich aus Erwachsenen besteht, herrsche eine ganz andere Atmosphäre als am Nachmittag. «Ich habe schon viele interessante Begegnungen erlebt.» Auf die abschliessende Frage, was sie aus dem Zirkus Monti mit in die Schule nehmen wird, antwortet Silvia Rellstab: «Am meisten beeindruckt hat mich der aussergewöhnliche Teamgeist. Der Zirkus funktioniert nur, wenn alle an einem Strick ziehen. Von dieser Erfahrung werde ich im Schulalltag sicherlich profitieren können.»

Intensivweiterbildung (IWB) für Lehrpersonen

Lehrpersonen der Volksschule im Kanton Zürich haben nach mindestens zehn vollendeten Dienstjahren Anrecht auf eine Auszeit in ihrem beruflichen Alltag in Form einer sogenannten Intensivweiterbildung (IWB) an der PH Zürich. Im Profil «Ausserschulisches Lernen» beinhaltet diese u.a. ein siebenwöchiges Praktikum in einem Betrieb. In der kommenden Ausgabe «Akzente» besuchen wir im Rahmen der Serie «Blick in eine andere Berufswelt» eine Lehrerin in ihrem Praktikum bei Manor.
Weitere Informationen zur IWB: www.phzh.ch/intensivweiterbildung

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