«Berufseinsteigende tun der Stimmung in der Schule gut»

Jürg Sonderegger ist Schulleiter in Fehraltorf. Er stellt gerne Berufseinsteigende ein, wenn sie als Person zum Team passen. Das sei entscheidender als ein paar Jahre mehr oder weniger Erfahrung. In seinem Schulhaus arbeiten 30 Prozent Berufseinsteigende.

Jürg Sonderegger

Jürg Sonderegger ist Schulleiter in Fehraltorf. Foto: Nelly Rodriguez

PHZH: Sind Berufseinsteigende für Sie Pflicht oder Kür?
Sonderegger: Sowohl als auch, das hängt sehr von der Person ab. Klar ist: Die Jungen müssen eine Chance bekommen, um Erfahrungen zu sammeln. Da investiere ich gerne.

Wenn Sie bei gleicher Qualifikation wählen können: Stellen Sie die erfahrene Lehrperson ein oder die neue?
Ich achte vor allem auf das Zwischenmenschliche. Bei den Vorstellungsgesprächen ist immer jemand vom Team dabei. Es ist mir wichtig, dass die Chemie im Team stimmt, die Erfahrung einer Lehrperson ist dann sekundär.

Was bringen Berufseinsteigende einer Schule?
Positive Gedanken und Hoffnung. Sie tun der Stimmung gut, weil sie noch frisch im Beruf sind. Sie bewältigen die Anforderungen leichter und sind hoffnungsvoller. Mögliche Schwierigkeiten kommen von selber, da muss man nicht nachhelfen. Eine grundlegend positive Einstellung zu unserer Arbeit muss sein. Und das haben die Berufseinsteigenden, wenn man sich um sie kümmert.

Und was muss die Schule einsetzen?
Zeit, Geduld und Verständnis für Fragen. Es braucht immer wieder den Willen, zu erklären.

Sehen Sie bei den Berufseinsteigenden einen Unterschied zwischen Regelstudierenden und Quereinsteigenden?
Eigentlich sind sie ebenbürtig. Aber Quest-Leute haben eine andere Basis. Sie treten anders an die Problematiken heran, irgendwie selbständiger und lösungsorientierter. Junge sind teilweise unsicher.

Welches sind die zentralen Herausforderungen für Berufseinsteigende?
Antworten zu finden auf diese Fragen: Was für eine Lehrperson möchte ich sein? Wie begegne ich den Eltern? Was gebe ich von mir preis? Wie vernetze ich mich? Die Persönlichkeit muss spürbar sein. Dazu kommt natürlich das Handwerk.

Was fordert die Berufseinsteigenden am meisten heraus?
Die Summe aller Aufgaben. Nebst dem Kerngeschäft haben die Klassenlehrpersonen extrem viele Zusatzaufgaben: Hausämter, Absprachen im Jahrgangsteam, Gespräche mit anderen Fachleuten. Und das stellen sich manche nicht so vor.

Was bieten Sie als Schulleiter den Berufseinsteigenden?
In der ersten Zeit bin ich Anlaufstelle und erste Ansprechperson. Ich will da eine gewisse Nähe herstellen, ohne dass ich den Neuen auf den Füssen rumstehe.

Wie unterstützen Sie sie?
Ich heisse sie willkommen. Und ich gestalte den Einstieg so, dass nicht gleich die grössten Probleme an die Person herankommen –zum Beispiel in Form einer Klasse, die seit zwei Jahren Schwierigkeiten bereitet. Als Schulleiter zeige ich mich interessiert und suche regelmässig das Gespräch. Es geht um Beziehungspflege. Ich schütze die Berufseinsteigenden vor kontroversen Angelegenheiten im Schulhaus, weil ich sie nicht «verheizen» will.

Welchen Stellenwert haben die Fachbegleitungen?
Grundsätzlich sind sie sehr wichtig. Sie unterstützen fachlich und emotional. Am Anfang ist es eine mentale Unterstützung, dann kommen spezifische Fragen zum Unterricht dazu.

Wie gut werden die Studierenden in der Ausbildung auf die Praxis vorbereitet?
Grundsätzlich gut. Und sicher viel besser als früher. Wenn ich an meine Ausbildung denke an der Uni, sind sie jetzt massiv besser ausgebildet. Die Ausbildung ist jetzt geballter, konzentrierter, besser. Schwierig finde ich die Profilwahl. Exotische Profile erschweren den Einstieg.

Steigen Berufseinsteigende schneller aus als gestandene Lehrpersonen?
Die kritische Phase beginnt nach vier Jahren. Dann hören viele auf. Zuerst ist man enthusiastisch, und nach einiger Zeit tritt eine erste Unzufriedenheit auf, weil sich kaum etwas verändert hat. Wer diese Hürde schafft, hat sich gefestigt, sieht das Schulhaus als ihre oder seine Welt – und bleibt dann meistens auch im Beruf.

Am 13. Juni 2014 führt die PH Zürich eine Tagung zum Thema «Berufseinstieg von Lehrpersonen» durch. Dabei werden Modelle der Berufseinführung diskutiert, im Zentrum steht die Professionalisierung der Lehrpersonen in dieser spezifischen Berufsphase.
www.phzh.ch/tagung-berufseinstieg

Über Jürg Sonderegger

Ein Leben für die Schule: Jürg Sonderegger hat an der Uni Zürich studiert, war 35 Jahre Lehrer – und ist seit 2009 Schulleiter. Daneben übernimmt er regelmässig Zusatzaufgaben – zum Beispiel als Kooperationsschulleiter an der PH Zürich. Er verspürt immer wieder den Drang, neue Ideen zu entwickeln. Insbesondere beschäftigen ihn Fragen um die Schule der Zukunft: Wie soll sie aussehen in 10 oder 15 Jahren? Wie muss sich die Ausbildung weiterentwickeln? Kann die Schule schnell genug auf aktuelle Entwicklungen reagieren? Den Lehrberuf findet Jürg Sonderegger immer noch lässig – mit allen Nachteilen, die es auch in anderen Berufen gebe. Als Lehrperson sitze man auch heute im Glashaus und sei einer gewissen Kritik ausgesetzt. «Das muss man aushalten können», sagt er.

Jürg Sonderegger, Jahrgang 1950, wohnt in Russikon, ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Er ist Schulleiter für die Mittel- und Sekundarstufe im Schulhaus Heiget, Fehraltorf.

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